Interview mit Mike Knowles zu „Tin Men“

Geführt von Marcus Müntefering

 

Mr. Knowles, vor dem Polizeiroman „Tin Men“ haben Sie sechs Romane über den Mafia-Vollstrecker Wilson geschrieben. Welche Autoren haben Ihre Faszination für das Verbrechen geweckt?

Als Teenager bin ich zufälligerweise auf einen Roman von Richard Stark gestoßen und danach tief in das Genre Kriminalroman eingetaucht, das mich mit einer mir bis dahin völlig unbekannten Welt bekannt machte. Stark führte mich zu jedem Antiquariat, das ich finden konnte, und als die nichts mehr für mich hatten, fing ich an, Buchhandlungen in ganz Kanada und den USA anzurufen und Bücher zu bestellen. Es hat lange gedauert, aber am Ende hatte ich jeden einzelnen Roman von Stark. Und dann kamen Detektivromane dran, alles von Robert Crais und Robert B. Parker. Ich orientierte mich an den Zitaten auf den Buchcovern, um weitere Autoren zu entdecken und stieß so auf Elmore Leonard, Ed McBain und John D. MacDonald. Durch Kriminalromane entdeckte ich meine Liebe zur Literatur und kam auf die Idee, selbst zu schreiben.

Warum haben Sie jetzt sozusagen die Seiten gewechselt und einen Polizeiroman geschrieben?

Es war toll, die Wilson-Romane zu schreiben, aber ich habe erst einmal damit abgeschlossen, weil diese Figur die Art der Geschichten, die ich erzählen kann, eingeschränkt hat. Ich hatte einiges versucht, aber nichts schien zu funktionieren. Und dann beschloss ich, etwas ganz anderes zu versuchen. Es war eine schwierige Entscheidung für mich, denn als ich jünger war, habe ich es absolut gehasst, wenn ein Autor eine meiner Lieblingsreihen unterbrach. Ich glaube, ich schulde manch einem Autor eine Entschuldigung für die Art, in der ich sie beschimpft habe. „Tin Men“ zu schreiben hat richtig viel Spaß gemacht, weil ich so viel Neues ausprobieren konnte. Dennoch werde ich irgendwann auch wieder Wilson-Romane schreiben.

Werden Sie auch zu den Figuren aus „Tin Men“ zurückkehren?

Konkret ist noch nichts, aber ab und an, wenn ich über neue Ideen für Storys nachdenke, fallen mir meine Figuren ein und wie sie sich in der jeweiligen Situation verhalten würden. Ich bin also ziemlich sicher, dass ich die Überlebenden aus „Tin Men“ in ein neues Abenteuer schicken werde.

Welche überleben, wollen wir hier natürlich nicht verraten. Die drei Hauptfiguren in „Tin Men“ sind Cops und gleichzeitig extreme Typen. Os misshandelt Verdächtige, Woody ist drogensüchtig, Dennis schläft mit transsexuellen Prostituierten. Mögen Sie Ihre Helden trotz ihrer Schwächen?

Am Anfang mochte ich Os am liebsten. Er ist groß, böse und gewalttätig, und über so jemanden zu schreiben, macht immer Spaß. Aber irgendwann gefiel mir Woody besser, weil er eine Figur ist, die mehr auf ihren Verstand als auf körperliche Kraft setzt. Woody war eine Herausforderung für mich, weil er immer der smarteste Typ ist und einen ausgeprägten Sinn für Details hat. Doch je näher ich dem Ende des Romans kam, desto mehr wurde Dennis zu meinem Liebling. Ich wollte aus ihm eigentlich einen wirklich unsympathischen Typen machen, merkte aber bald, dass er das gar nicht ist. Das machte es nicht einfacher.

Der Titel „Tin Men“ ist eine Referenz an „Zauberer von Oz“, oder?

Ja, Os wird von seinen Kollegen Tin Man genannt, weil er wie sein Vorbild aus dem „Zauberer“ kein Herz zu haben scheint. Und weil das auch für Woody und Dennis gilt, habe ich das Buch „Tin Men“ genannt. Unter ihrer Hülle aus Blech oder Stahl sind alle drei aus Fleisch und Blut und so verletzlich wie die meisten Menschen. Aber die meiste Zeit, dürfen sie es nicht zeigen, sie verstecken ihre menschliche Seite.

Gibt es für Menschen wie Os die Hoffnung auf Erlösung?

In „Tin Men“ geht es nicht um Erlösung. Erlösung ist nicht etwas, das jemandem einfach passiert, man muss etwas dafür tun. Um eine Chance zu haben, erlöst zu werden, muss man einer von den Guten sein oder es zumindest versuchen. Der Mord im Zentrum von „Tin Men“ zwingt meine Figuren dazu, sich mit sich selbst zu beschäftigen, und was sie über sich erfahren, schüttelt sie durch. Erlösung mag möglich sein, aber das wäre eine andere Geschichte.

Der eben erwähnte Mord ist sehr grausam, einer Frau wird das Baby aus dem Leib geschnitten. Wie schwer war es, so eine heftige Szene zu schreiben?

In jedem meiner Bücher gibt es Szenen, die dazu führen, dass meine Mutter mich anruft und mich fragt: „Was stimmt nicht mit dir?“ Und ich hatte noch nie eine gute Antwort für sie. Wenn ich ein Buch schreibe, will ich, dass es möglichst gut wird. Und dazu gehört, nicht vor den grausigen Szenen zurückzuschrecken. Schlechte Dinge sollten nicht aufpoliert werden.

Wenn Sie keine Kriminalromane schreiben, arbeiten Sie als Lehrer. Eine ganz andere Welt als die, die Sie in Ihren Büchern beschreiben, oder?

Stimmt, meine Arbeit als Lehrer hat nichts mit meinen Romanen zu tun, und dafür bin ich dankbar. Vieles von dem, was ich mir ausdenke, ist sehr finster, und ich würde nicht gern in einer Welt leben, die so ist wie in meinen Büchern. Wenn ich unterrichte, gibt mir das die Gelegenheit, den düsteren Gedanken, die mich nachts – und ich schreibe vor allem nachts – beschäftigen, zu entkommen.