Dieses Gefühl der Isolation

Taylor Brown im Gespräch mit Kirsten Reimers

Sie haben eine Weile in North Carolina gelebt – ist in der Zeit die Idee für den Roman entstanden?

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Um ehrlich zu sein, ich glaube, ich hatte eine vage Idee für den Roman schon, bevor ich in die Blue Rigde Mountains von North Carolina gezogen bin. Es ist eine Gegend, die mich schon immer fasziniert hat, seit ich ein Junge war. Ein paar meiner Geschichten hatte ich dort bereits angesiedelt, und einer meiner besten Freunde lebte dort oben auf eine recht primitive Weise – ziemlich „ab vom Schuss“. Von Granny May, Rory oder eine der anderen Figuren hatte ich noch keine klare Vorstellung, aber ich wollte einen Roman vor dem Hintergrund von schwarzgebranntem Alkohol und Stockcar-Rennen in den 1950er Jahren schreiben. Heute wissen nur noch wenige Menschen, dass NASCAR – einer der populärsten Zuschauersportarten der USA – diese „Outlaw“-Wurzeln hat. So gesehen hat mich der Roman vielleicht eher dazu gebracht, nach North Carolina zu ziehen – Kunst inspiriert das Leben im gleichen Maße wie Leben die Kunst. Ich habe dann die nächsten zehn Jahre in North Carolina gelebt.

Natürlich wäre der Roman ohne das Eintauchen in die Landschaft und die kulturellen Einflüsse auf die Geschichte nicht möglich gewesen. Manchmal schien es, als könnte jeder, den ich in North Carolina traf, Geschichten erzählen von Vorfahren, die mit Schwarzbrennerei, Autorennen oder Naturheilkunde zu tun hatten. Als ich mir zum Beispiel mal ein Auto ansah, das zum Verkauf angeboten war – einen 63er Dodge Polara –, stellte sich der Mann, der das Auto verkaufte, als der beste Freund des Bundesagenten heraus, der den legendären NASCAR-Fahrer Junior Johnson wegen Schwarzbrennen verhaftet hatte. So stieß ich auf die Memoiren des Agenden, die dieser im Selbstverlag herausgebracht hatte – und das wiederum beeinflusste die Figur des Agent Kingman und das Schreiben des Buches. Als ich in Black Mountain in North Carolina lebte, lernte ich die Schwester meines Nachbarn kennen, die Volksmedizin an der Appalachia School of Holistic Herbalism studierte, der ältesten Schule für Kräuterkunde im Südosten des Landes. Sie nahm mich mit, um nach Wurzeln zu suchen, und machte mich mit verschiedenen Tinkturen und Tränken vertraut – Erfahrungen, die direkt in die Figur von Granny May einflossen.

Was hat Sie inspiriert? Welche Einflüsse sind in den Roman eingegangen?

Zu der Zeit, als ich Gods of Howl Mountain schrieb, habe ich eine Menge Noir-Romane wie die von Raymond Chandler gelesen und suchte nach anderen Autoren, die die Form weiterentwickelt hatten. Irgendwann begegnete mir das Werk von Daniel Woodrell und seiner Idee des „Country Noir“, die in mir was zum Klingen gebracht hat. Ich liebe die Romane von William Gay, Cormac McCarthy und Flannery O’Connor, aber ich wollte etwas schreiben, dass schnell, dunkel und spannungsgeladen war, etwas, das in den frühen Tagen des Atomzeitalters spielt, mit dieser neuen Nachkriegsangst, die unter der Oberfläche brodelte. Was Filme angeht, haben mich Robert Mitchums Thunder Road (1958; dt. Titel: Kilometerstein 375) und Nicolas Winding Refns Drive (2011) beeinflusst.

Das sind allerdings Werke, in denen ich lediglich verwandte Themen, Stile und Grundzüge entdeckte. Ich glaube, eine größere Inspiration war die Landschaft selbst. Ich glaube, hier in den Vereinigten Staaten haben wir eine ziemlich romantische Vorstellung vom einfachen Leben in den Bergen, aber die Realität ist viel fordernder, als sich das viele vorstellen. Ich habe eine Menge Zeit mit einem meiner besten Freunde verbracht, einem Maler, der auf einem einsam gelegenen Berg im westlichen North Carolina gelebt hat. Er hatte kein Geld, kein Handysignal, nur einen kleinen Holzofen zum Heizen und eine von Hand zu betätigender Wasserpumpe, deren Rohre regelmäßig einfroren, weshalb wir dann Schnee zu Wasser schmelzen mussten. Aus den Lüftungsschlitzen des Wohnwagens, in dem er wohnte, wuchsen Pilze, und sein Pferd war sein wichtigstes Transportmittel. Seine Vermieterin war eine von den Lakota ausgebildete Schamanin, und Wilderer und Ginsengsammler waren eine ständige Bedrohung und Quelle der Furcht auf dem Berg. Er nahm regelmäßig die Innereien von aufgebrochenem Rotwild mit, um sie zu essen, und lernte, viele der einheimischen Pflanzen als Nahrung und als Medizin zu verwenden.

Ich wollte dieses Gefühl der Isolation und das fordernde Wesen eines solchen Lebens vermitteln. Nur dann können wir verstehen, was Schwarzbrennerei und Schmuggel als Mittel zum Überleben für Figuren wie Rory und Granny May bedeuten. Eine der wenigen Alternativen wäre natürlich, aus den Bergen wegzuziehen und in den Mühlen und Fabriken zu arbeiten.

Wurden Schlangen tatsächlich bei Gottesdiensten verwendet? Und wird das immer noch getan? Die Idee scheint sehr merkwürdig – wo liegt ihr Ursprung?

Schlangen wurden und werden immer noch in manchen Gottesdiensten der Pfingstbewegung verwendet. Einer meiner besten Freunde und langjähriger Herausgeber – Jason Frye – stammt aus Logan County, West Virginia. Dort hat sein Großvater Klapperschlangen gefangen und an die umliegenden Kirchen verkauft, wo sie dann für die Gottesdienste verwendet wurden! Während ich an dem Roman schrieb, teilten wir uns ein Büro, und Jason hatte ein Schwarzweißfoto an die Wand geheftet, auf dem ein einarmiger Pastor eine lebende Klapperschlange vor einer Menge von Gläubigen in die Höhe hält. Zudem war 2013 die Erstsendung einer TV-Doku-Serie mit dem Titel Snake Salvation (Schlangenerrettung), die zwei Prediger in den Mittelpunkt stellt, die bei ihren Gottesdiensten Schlangen einsetzten. Einer von ihnen starb 2014 an einem Schlangenbiss. Ich habe die Serie nicht gesehen, aber sie zeigt doch, dass dies bis heute praktiziert wird.

Der Ursprung ist eine Bibelstelle: Markus 16, 18: „Sie werden Schlangen aufheben, und wenn sie etwas Tödliches trinken, wird es ihnen nicht schaden, Kranken werden sie die Hände auflegen, so wird es gut mit ihnen werden.“ Die Idee dahinter ist, dass Gott nicht zulässt, dass ein Gläubiger durch Schlangenbisse oder das Schlucken von Gift verletzt wird. Irgendwie entstand daraus die Tradition, lebende Klapperschlangen in den Gottesdienst zu integrieren und Strychnin oder andere Gifte als Zeichen des Glaubens zu trinken. Damit ist sicherlich auch so etwas wie religiöse Ekstase verbunden: ein intensiviertes Gefühl der Verbundenheit mit Gott. Allen, die mehr über diese Praxis erfahren wollen, empfehle ich wärmstens Salvation on Sand Mountain von Dennis Covington.

Sie beschreiben North Carolina als extrem christlich und gleichzeitig als sehr kriminell – woher kommen Ihrer Meinung nach diese beiden sehr gegensätzlichen Tendenzen?

Ich glaube, wenn man Menschen unter das Joch der sozioökonomischen Not zwingt, neigen sie dazu, beide Extreme auszubilden. Dies scheint sowohl in den Appalachen als auch im amerikanischen Süden der Fall gewesen zu sein – und der Roman spielt an einem Ort, an dem sich diese Regionen überschneiden. Mother Jones, die große Führerin der Arbeiterbewegung des späten 19. und frühen 20. Jahrhundert, verglich oft die Arbeit in den Mühlen im Süden und den Kohlebergwerken in den Appalachen mit einer Art Knechtschaft, die von Einschüchterung der Arbeiter, Kinderarbeit, zu geringem Lohn und den unterschiedlichsten Gefahren und Ungerechtigkeiten geprägt war. Diese Bedingungen hatten sich zwar bis in die 1950er Jahre gebessert, aber nur graduell. Vielleicht führte das zu einem höheren Maß an Verzweiflung, die sowohl zu religiösem Fanatismus als auch zu Kriminalität führte.

Darüber hinaus glaube ich, dass es im ländlichen Amerika eine lange Tradition gibt, dass Menschen autark vom Rest des Landes arbeiten und an eine geringere staatliche Präsenz und Kontrolle gewohnt sind als in dichter besiedelten Gebieten. Was Schwarzbrennerei und Schmuggel anging, war ein Leben außerhalb des Gesetzes vielleicht einfacher.

Was mich irritiert, ist, dass Rory seine Autos nach seiner Großmutter benennt. Warum tut er das?

Ha! Das mag eine kulturelle Sache sein, insbesondere in der Hotrod-/Motorradszene. Ich bin ein begeisterter Motorradfahrer – ich arbeite sogar als Chefredakteur einer Kundenzeitschrift für Motorräder –, und alle Oldtimer aus meinem Motorradclub haben Namen: Blitzen, Bowser, Babe, Bandit, Bird, Daisy, Dusty, Crusty – um nur ein paar zu nennen. Wenn man so viel Zeit mit einem Fahrzeug verbringt und es mit den eigenen Händen repariert und wieder zum Laufen bringt, dann sieht man die Maschine im Laufe der Zeit als ein lebendiges Wesen an – man baut eine Beziehung zu ihm auf, was ich im Roman darzustellen versucht habe. Das trifft besonders dann zu, wenn die Maschine wie bei Rory für den Erwerb des Lebensunterhalts und für die eigene Identität von zentraler Bedeutung ist.

Für Rory ist es nur natürlich, das Auto nach einem starken weiblichen Charakter zu nennen, nach jemandem, den er liebt und respektiert. Es ist eine Art Tribut oder Ehrung. Viele Kampfpiloten im Zweiten Weltkrieg haben ihre Flugzeuge auf ähnliche Weise benannt, und bei vielen Rennwagen und Motorrädern wird das immer noch so gehandhabt – dass sie nach der Liebsten des Besitzers, seiner Frau, Mutter, Großmutter oder Tochter benannt werden.

Darüber hinaus gibt es einen Rock’n’Roll-Song namens „Maybellene“. Er wurde 1955 von Chuck Berry geschrieben und aufgenommen; er handelt von einem Hotrod-Rennen und einer unglücklichen Liebe. Tief in meinem Unterbewusstsein trägt der Name selbst also eine gewisse Motor-grollende Kraft in sich – und damit ist er perfekt für Granny May wie auch für Rorys aufgemotztes Ford-Coupé.