Leseprobe: William Boyle: „Eine wahre Freundin“

 

Rena

Bensonhurst, Brooklyn Sonntag, 11. Juni 2006

©Christoph Kretschmer / Adobe Stock

Nach der Sonntagsmesse und dem üblichen Kaffee bei McDonald’s mit ihrer Freundin Jeanne ist Rena Ruggiero zurück in der Bay Thirty-Fifth Street. Es ist seltsam, sich nur in der Straße heimisch zu fühlen, in der man wohnt, während alle anderen Straßen, selbst die in unmittelbarer Nähe, einem fremd vorkommen. Ihr ganzes Leben hat sie in dieser Straße gelebt. Sie ist hier, in diesem Haus aufgewachsen, während ihrer Collegezeit dort wohnen geblieben und nach der Heirat mit Vic in die Wohnung im ersten Stock gezogen. Nach dem Tod ihrer Eltern haben sie das ganze Haus in Beschlag genommen. Für drei Leute war es ziemich groß, und für einen ist es das erst recht. Seit achtundsechzig Jahren gehört das Haus der Familie, die Eltern hatten es acht Jahre vor ihrer Geburt gekauft.

Wie so oft steht sie vor dem Haus und überlegt, was daran gemacht werden müsste. Es bräuchte eine neue Verschalung. Darum hatte sich Vic kümmern wollen, kurz bevor er ermordet wurde. Vielleicht müsste auch das Dach erneuert werden. Die Veranda hängt durch. Die Pfosten und Geländer müssten abgeschliffen und neu gestrichen und alles morsche Holz müsste ersetzt werden. Die Fenster sind so alt, dass der Wind hereinpfeift. Sie könnte es verkaufen – die Chinesen kaufen im Viertel alles, was sie kriegen können –, aber sie hat keine Lust, sich mit den Verhandlungen herumzuschlagen.

Die Stufen. Noch immer steht ihr das Bild vor Augen, wie Vic an diesem schrecklichen Tag vor neun Jahren darauf lag. Sie erinnert sich genau an die Blutlachen auf den Stufen. Wenn man genau hinsieht, erkennt man noch die braunen Flecken, die sich für alle Zeiten in den Beton gefressen haben. Der arme Vic. Vielleicht hatte er die Tauben auf dem Dach des Wohnblocks gegenüber beobachtet, wo Zippo, der Hausherr, mit einer großen schwarzen Fahne seine Jungtauben trainierte. Und dann kam Little Sal mit gezogener Waffe.

Rena hatte drinnen am Herd gestanden und Kalbsschnitzel gebraten. Als sie den Schuss hörte, dachte sie, es handle sich um eine Fehlzündung. Oder irgendwelche dummen Jungs mit Chinaböllern. Erst als sie Schreie und dann Sirenen und quietschende Reifen hörte, ging sie raus. Wie in Zeitlupe sieht sie sich aus der Küche den Flur hinunterlaufen. Sie hatte nicht gedacht, dass Vic etwas passiert sein könnte. Er hatte frei und saß einfach nur draußen rum. Die Angst hatte immer in ihr gelauert, aber nicht in diesem Moment. Sie würden sich die Übertragung eines Spiels im Radio anhören und dazu Kalbsschnitzel essen. Als sie Vic erreichte, war Little Sal längst verschwunden.

Rena erinnert sich, wie sie auf dem Weg ins Krankenhaus über ihn gebeugt im Rettungswagen gesessen und weinend den Rosenkranz gebetet hat. Vic mit seiner ruhigen Stimme, den nachdenklichen braunen Augen und seiner schmutzigen Arbeit. Alle in der Organisation nannten ihn Gentle Vic, den sanften Vic. Er hatte für die Brancaccios Schulden eingetrieben. Sehr erfolgreich. Was da passiert war, hatte aber nichts mit seiner Arbeit zu tun, sondern mit einem kleinen Dreckskerl namens Little Sal, der sich einen Namen machen wollte, indem er einen echten Mafioso aus dem Spiel nahm. Vic war erschossen worden, als er an einem Espresso nippte, neben sich auf der Stufe einen Ziploc-Beutel mit Zucchiniblüten, die er von Francesca ein paar Häuser weiter bekommen hatte.

Jeder weiß über Vic Bescheid, was er gemacht hat und wie er gestorben ist, aber niemand spricht sie darauf an. Niemand fragt sie, wie es ist, den eigenen Ehemann verbluten zu sehen. Oder wie es ist, mit dem Gartenschlauch getrocknetes Blut von den Stufen zu spritzen, nachdem man gerade den einzigen Mann beerdigt hat, den man je geliebt hat.