Leseprobe: Sam Hawken: „Vermisst“

 

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©Christoph Kretschmer / Adobe Stock

Als Jack Searle aufstand, zeigte sich gerade der erste rosafarbene Schimmer am Himmel über Laredo, Texas. Er verzichtete aufs Duschen, putzte sich aber die Zähne und betrachtete seine Bartstoppeln. Sein Goatee wurde langsam ein wenig struppig und war mit grauen Haaren durchsetzt, die er manchmal färbte. Heute Abend würde er den Bart wieder in Form bringen.

Sein Frühstück bestand aus Cornflakes mit Milch, gebuttertem Toast und Orangensaft. Speckstreifen wären nicht schlecht gewesen, aber der Arzt hatte ihn ermahnt, mit Salz zurückhaltend zu sein. Das Cholesterin sah auch nicht gut aus. Jack war siebenundünfzig Jahre alt.

Er warf einen kurzen Blick in die Zimmer der Kinder. Beide Mädchen schliefen noch, daran würde sich vor zehn wahrscheinlich auch nichts ändern. Jack wachte selbst an seinen freien Tagen früh auf und konnte dann nicht liegen bleiben. Als Teenager hatte er wahrscheinlich ein paar Stunden länger geschlafen, konnte sich aber nicht mehr daran erinnern.

Er zog die Haustür hinter sich zu und schloss ab. Draußen war es noch kühl. Im Vorbeigehen zupfte er ein paar Löwenzähne aus dem Rasen und warf sie auf die Einfahrt. Das Gras war genauso struppig wie sein Bart. Er würde sich am Wochenende darum kümmern.

Jack ging zu seinem Truck, ein Ford F-250, früher einmal weiß, inzwischen durch Dreck und Schrammen und Beulen ziemlich unansehnlich. Der kleine Mitsubishi Galant, der auch auf der Ein- fahrt stand, wirkte im Vergleich winzig. Jack bemerkte, dass sich der Marine-Corps-Aufkleber im Rückfenster zu lösen begann.

In der Nachbarschaft war kaum jemand so früh schon auf den Beinen. Jack kurbelte das Fenster herunter und ließ den Wind herein, im Radio dudelte etwas Soulig-Gemütliches.

Zwanzig Minuten später kam das große orange Schild des Baumarkts in Sichtweite. In Jacks Rücken ging die Sonne auf, aber noch waren die Straßenlaternen an. Trotzdem würden die Männer schon da sein, sie wachten noch früher auf als er und warteten manchmal den ganzen Tag dort.

Sie standen auf dem Parkplatz des Home Depot verteilt, einige eher an der Straße, andere beim Eingang, in Grüppchen oder al- leine und beobachteten wachsam jedes sich nähernde Auto: Wurde es langsamer, war es die Polizei in Zivil? Jack sah, wie die Spannung stieg, als er auf den Parkplatz abbog, alle schienen sich gleichzeitig in Bewegung zu setzen, zogen einen Ring um den Truck.

Jack hatte niemand Besonderen im Sinn. Er hielt nicht an, denn dann würden sie über ihn herfallen, sondern fuhr langsam an den Männern vorbei und hielt Ausschau nach einem Gesicht mit dem besonderen Etwas darin. Nicht Hunger oder Verzweiflung, sondern die Gewissheit, dass ein Tag harter Arbeit am Abend guten Lohn bringen würde.

Nach ein, zwei Minuten hatte er den Richtigen gefunden und stoppte vor zwei Männern. Der eine rollte einen Kaffeebecher von Dunkin’ Donuts zwischen den Händen hin und her, als wollte er sie wärmen. Jack ließ das Fenster auf der Beifahrerseite herunter. »¿Busca trabajo?«, fragte er. Im Augenwinkel bekam er mit, dass sich weitere Männer dem Truck von hinten näherten. Bald würden sie ihn so dicht umringen, dass sich der Wagen nicht mehr bewegen ließe.

»Wir können arbeiten«, sagte der Mann mit dem Kaffeebecher. Er war spindeldürr, wie alle hier, das Gesicht so von Falten durch- zogen, dass er genauso gut wettergegerbt wie alt sein konnte. Er trug eine schmutzige Kappe mit dem Texaco-Logo. »Wir beide zusammen?«

»Ich brauche nur einen. Wir müssen ein Badezimmer abreißen. Ich zahle acht Dollar die Stunde plus Mittagessen bei McDonald’s. ¿Suena bien?«

»Das ist gut«, sagte der Mann.

»Steig ein.«

Ein anderer erschien an Jacks Fenster. »Ich kann arbeiten«, sagte er.

»Ich habe, was ich brauche.«

»Ich arbeite billig«, beharrte der Mann.

»No, gracias. Ich habe, was ich brauche.«

Der Mann machte Anstalten, seine Hand auf Jacks Arm zu legen, zog sie aber weg, als er Jacks Miene sah. Andere drängten nach vorne, das Gemurmel wurde immer lauter.

»Das war’s«, sagte Jack. »Ich brauche bloß einen.«

Der Mann mit dem Kaffeebecher öffnete die hintere Tür der Fahrerkabine und stieg ein. Jack kurbelte die Fenster hoch, um weitere Diskussionen im Keim zu ersticken, und ließ den Motor aufheulen. Die Männer wichen zurück, Jack fuhr los.

»Danke«, sagte der Mann mit dem Kaffeebecher.

»Nicht nötig. Du suchst Arbeit, ich biete Arbeit. Alle sind zufrieden.«

»Ich bin Eugenio«, sagte der Mann.

»Freut mich.«

Jack verließ den Parkplatz und fädelte sich in den spärlichen Morgenverkehr ein. Im Radio lief ein gutes Lied, er drehte etwas lauter. Falls der Mann auf der Rückbank etwas dagegen einzuwenden hatte, behielt er es für sich.