Was würden wir an Tylers Stelle tun?

Ein Nachwort von Hanspeter Eggenberger

 

©Max Soklov / Adobe Stock

Gute Kriminalliteratur ist die realistische Literatur unserer Zeit. Sie zeigt uns schonungslos die Welt, in der wir leben. Sie seziert Machtverhältnisse und leuchtet in dunkle Seelen, zerrt ans Licht, was sonst gerne im Schatten gelassen wird, lässt uns mit geplagten Menschen mitleiden, macht Gründe sichtbar, die zu kriminellen Handlungen führen. Im besten Fall führt sie uns – außer, dass sie uns in eine fremde Welt eintauchen lässt und uns auch unterhält –, zu neuen Erkenntnissen. »Breakers», »Der Bruch«, von Doug Johnstone ist ein herausragendes Beispiel für das, was gute zeitgenössische Kriminalliteratur ausmacht. Der schottische Autor packt sozialen Realismus in eine harte und düstere, emotionale und spannende Geschichte, die ohne langatmige Erklärungen oder bemühte Didaktik gesellschaftliche Verhältnisse aufzeigt.

Diese Art von Kriminalliteratur hebt sich wohltuend ab vom Großteil der Drucksachen, die sich mit dem Etikett »Krimi« schmücken. Von den unsäglichen Serienkillerelaboraten etwa, die mit immer abstruseren Abschlachtungen nach Aufmerksamkeit heischen, von den Psychothrillern, denen jegliches psychologische Verständnis abgeht, von all den plumpen Geschichten um trottelige Ermittler, von den Plots, die vor lauter Originalität und unplausiblen Wendungen jeden Realitätsbezug verlieren, von lustig gemeinten Blödeleien.

Nicht dass gute Kriminalliteratur nicht auch witzig sein darf. Auch für Johnstone ist Humor in seinen Romanen ein wichtiges Element. Wobei dieser Humor zumeist schwarz ist. »Der Bruch« sei zwar ziemlich typisch für seine Romane, sagt er, wobei es hier jedoch »nicht viel Gelegenheit für düsteren Humor gibt, weil die Thematik so ernst ist«.

Eines der zentralen Themen hinter dem beinharten Plot sind dysfunktionale Familien. Der siebzehnjährige Tyler, die Hauptfigur, lebt mit seiner Familie in einem Hochhaus in einem heruntergekommenen Viertel von Edinburgh. Er kümmert sich um seine kleine Schwester Bethany, genannt Bean, und er hält den Haushalt so weit wie möglich in Schuss. Denn die Mutter ist drogen- und alkoholabhängig und bringt gar nichts auf die Reihe; auch um sie muss sich Tyler kümmern. In der Wohnung nebenan leben seine Halbgeschwister Barry und Kelly in einer inzestuösen Beziehung. Sie finanzieren ihren Lebensunterhalt und ihren Drogenkonsum mit Einbrüchen. Der für sein Alter kleingewachsene Tyler muss dabei mitmachen, weil er durch kleine Öffnungen einsteigen kann. Würde er sich weigern, würde womöglich die kleine Bean dafür missbraucht. Tylers Familie ist keine Ausnahme in der Gegend.

»Drogensüchtige und gewalttätige Eltern gab es in diesem Viertel überall, drei Generationen kaputter und ausrangierter Loser von vorne bis hinten.«

Wir Kontinentaleuropäer nehmen von Edinburgh am ehesten die touristische Seite wahr und sehen eine bürgerliche, wohlhabende Stadt. Aus der Kriminalliteratur kennen wir die schottische Metropole vor allem als Wirkungskreis von John Rebus in den Romanen von Ian Rankin, vielleicht auch aus Romanen von Allan Guthrie und von Chris Brookmyre (mit dem, nebenbei, Johnstone in einer Band zusammenspielt, die aus schottischen Krimiautoren besteht). In unserer Wahrnehmung ist in Schottland eher Glasgow die Stadt der sozialen Brennpunkte und Auseinandersetzungen. Tatsächlich sei Glasgow »wahrscheinlich immer noch die sozial am stärksten benachteiligte Stadt in Schottland« sagt Johnstone, »aber Edinburgh ist die zweitgrößte Stadt und hat auch eine Menge sehr unterprivilegierter Gebiete. Ich glaube, die Leute sind von der Burg und den Touristenorten geblendet, so dass sie nicht so viel über die Wohnbauprogramme und die heruntergekommenen Gebiete nachdenken. Da ich schon lange in Edinburgh lebe, kenne ich sie ziemlich gut, und ich wohne nicht weit von da, wo ein Großteil von ›Der Bruch‹ spielt.«

»Der Bruch«, im Original 2019 erschienen, ist bereits der zehnte Roman des 1970 geborenen Doug Johnstone seit dem Debüt »Tombstoning« im Jahr 2006, und inzwischen hat er bereits zwei weitere Romane veröffentlicht. Drei seiner Bücher wurden schon früher ins Deutsche übersetzt: »Smokeheads« (2012), »Hit & Run« (2015) und »Gone Again« (2015; Deutsch: »Wer einmal verschwindet«). Obwohl er schon seit der Schulzeit Geschichten schrieb, studierte er zunächst Physik, promovierte in Kernphysik und arbeitete als Ingenieur für Radar-und Raketenleitsysteme, bevor er Schriftsteller wurde. Alle seine Romanen seien eher düster, sagt er, und es gehe um »sehr ernste Themen wie Suizid, Gewalt, Trauer und psychische Probleme«.

Die Einbruchsgeschichte im vorliegenden Roman kommt aus einer persönlichen Erfahrung, die mir Doug Johnstone so schilderte: »Bei mir ist eingebrochen worden. Das war vor acht Jahren, sie raubten uns aus, als wir zum Geburtstag unseres Sohnes unterwegs waren. Ein Detail blieb bei mir hängen: Jemand war durch ein kleines Fenster eingestiegen und hatte die anderen hineingelassen, das Fenster war so klein, dass es ein Kind sein musste.« Er habe sich immer gefragt, wie es wohl sei, ein Kind in einer Bande oder in einer Familie von Einbrechern zu sein. Es habe lange gedauert, bis er darüber schreiben konnte.

So entstand die eindrücklich und mit Empathie gezeichnete Hauptfigur dieses Romans. Tyler steht mitten in einer Welt voller Gewalt, doch er träumt noch von einem besseren Leben und versucht, seinem Moralkodex treu zu bleiben. Von seinem Bruder, einem sadistischen Psychopathen, wird er zu den Raubzügen gezwungen. Zusammen mit Bean kümmert er sich um streunende Hunde, deren Freiheit ihm zwar irgendwie gefällt, ihn aber auch verunsichert: »Tyler stellte sich vor, wie das wohl sein mochte, die Freiheit zu haben, einfach herumzustreichen und eine ganze Welt erkunden zu können. Die Kehrseite war jedoch, dass man ständig am Rande von Hunger und Gewalt lebte, Kämpfe mit anderen Tieren, Grausamkeit seitens der Menschen. Er war nicht sicher, ob es sich dafür unter dem Strich lohnte.«

Die Situation eskaliert, als die junge Geschwisterbande bei einem Bruch durch die heimkehrende Hausherrin überrascht wird. Barry sticht mit einem Messer auf sie ein, dann flieht die Bande. Tyler ruft danach heimlich den Rettungsdienst und rettet der schwerverletzten Frau damit das Leben. Diese üble Geschichte ist aber nur der Anfang einer viel größeren Katastrophe. Denn es stellt sich heraus, dass sie, ohne es zu wissen, ausgerechnet in das Haus eines lokalen Gangsterbosses eingestiegen waren. Und der überlässt die Klärung des Falls nicht der Polizei, sondern macht selber Jagd auf die Einbrecher. Und er will gnadenlose Rache.

Neben dem Gangsterboss, der auf seiner Spur ist, setzt eine Polizistin, die ihn zu einer Aussage gegen seinen Bruder bewegen will, Tyler zusätzlich zum ganzen Druck der Familiensituation heftig zu. Um etwas Ruhe zu haben, Zeit für sich selbst, steigt er zuweilen in große Häuser ein, ohne dass er etwas stehlen will, sondern einfach nur, um etwas inneren Frieden zu finden. In so einer Situation lernt er ein etwa gleichaltriges Mädchen kennen. Flick, wie Felicity sich nennt, besucht eine Privatschule, kommt aus einer reichen Familie, fährt ein flottes Cabrio. Doch ihr Glück ist nur vordergründig. Auch sie leidet an ihrer Familie, wenn auch aus ganz anderen Gründen. Sie lebt zwar in Wohlstand, aber innerlich ist sie kaum weniger einsam als Tyler. Trotz der Gegensätze entspinnt sich eine zarte Liebesgeschichte zwischen den beiden verlorenen Seelen. »Er dachte darüber nach, was sie von ihrer Familie erzählt hatte«, heißt es einmal. »Wir sind alle auf unsere eigene Art am Arsch. Uns bleibt nichts, als füreinander da zu sein.«

Daneben, dass der Gangsterboss auf Wunsch seiner Frau Tyler schließlich laufen lässt und seine Rache auf Barry und Kelly beschränkt, ist es vor allem die Beziehung zwischen den beiden jungen Menschen, die gegen Ende der düsteren Geschichte so etwas wie einen Hoffnungsschimmer für Tylers Zukunft aufkommen lässt. Wobei man in einem Noir nie ganz sicher sein kann, ob man wirklich das Licht am Ende des Tunnels sieht, oder ob es nicht die Scheinwerfer eines einem entgegenrasenden Zugs sind.

»Der Bruch« ist alles andere als ein konventioneller Kriminalroman. Es geht hier weder um die Aufklärung eines Verbrechens noch um die Frage nach Schuld und Sühne. Es geht, jenseits simpler Vorstellungen von Gut und Böse, um die Ursachen von kriminellen Handlungen. Es geht um die komplexe Frage, warum jemand tut, was er tut. Tyler wird gegen seinen Willen zu einem kriminellen Leben gezwungen. Er macht aus Angst mit. Um seine kleine Schwester zu schützen. Um für seine Mutter sorgen zu können. Und wenn wir als Leserinnen und Leser nicht einfach darüber hinweglesen, sondern uns über eine solche Situation ernsthaft Gedanken machen, stehen wir schnell einmal vor nicht ganz einfachen Fragen. Wie würden wir uns in einer solchen Situation verhalten? Was würden wir an Tylers Stelle tun?

Johnstone ist eine realistische Darstellung des unterprivilegierten Lebens seiner Protagonisten wichtig. Er gibt sich nicht der Illusion hin, dass ein Roman an solchen Verhältnissen im realen Leben etwas ändern kann. Dafür würde es politischen Willen und Geld brauchen. »Aber wenn wir versuchen wollen, die sozialen Probleme in unserem Land zu lösen«, sagt er, »müssen wir diese Probleme auch ehrlich benennen.« Und das tut er. Er wirft keinen voyeuristischen oder romantisierenden Blick auf das heruntergekommene Viertel, auf die zerrütteten Verhältnisse. Sondern er taucht mit seiner Figur Tyler tief in das Leben dieser Familie ein, um nachvollziehbar zu machen, warum passiert was passiert.

Tyler ist gerademal siebzehn. Er ist durch die Umstände gezwungen, rasch erwachsen zu werden, obwohl er noch zur Schule geht. Was kann die Zukunft einem jungen Mann wie ihm bieten? Wird er seinen Weg gehen können? Wird die Kriminalität ihn wieder einholen? Und was geschieht mit der Beziehung zu Flick? Mit ihrem Leben? Das sind Fragen, die man sich am Ende dieser Geschichte stellen mag. Wäre das nicht ein interessanter Stoff für einen weiteren Roman?, habe ich Doug Johnstone gefragt. Er habe noch nie eine Fortsetzung zu einem seiner Standalones geschrieben, antwortete er. »Aber ich habe Tylers Geschichte geliebt, und es wäre interessant zu sehen, was mit ihm und Flick nach den letzten Seiten passiert ist. Vielleicht werde ich es eines Tages tun.«