Familienbande

Ein Nachwort von Carsten Germis

©Max Soklov / Adobe Stock

Alle glücklichen Familien gleichen einander, jede unglückliche Familie ist auf ihre eigene Weise unglücklich. Familien, auch wenn sie nicht mit Blutsbanden verbunden, sondern wie eine Motorradgang von Kleinstadtkriminellen selbst gewählt sind, entpuppen sich oft als Quell gewalttätiger Konflikte. Hass, Rache, Gewalt können auch den einzelnen Menschen antreiben, der sich als Außenseiter gegen eine als ungerecht empfunden Welt wendet. Doch die wirklich großen Konflikte der Menschheit finden zwischen Familien, zwischen eng verbundenen Gruppen statt. Die Blutrache ist ein bis ins 21. Jahrhundert anzutreffendes Beispiel. Auch in Steph Posts Roman Lightwood dreht sich alles um ein Netzwerk rivalisierender Familien, um die kalte, abstoßende Grausamkeit, die sie in eine schier ausweglose Spirale von Rache und Gewalt zwingt. Auch in diesem Kriminalroman ist jede der unglücklichen Familien und Gruppen auf ihre eigene Weise unglücklich.

Im Zentrum steht Judah Cannon, einer von drei Söhnen des Kleinkriminellen Sherwood Cannon. Judah ist eigentlich ein guter Kerl. Er will es zumindest sein. Er sehnt sich nach einem guten, einem anständigen Leben. Am liebsten wäre er so weit wie möglich weg vom kriminellen, brutalen, herrischen Vater. Gerade aus dem Gefängnis entlassen will Judah aussteigen aus dem kriminellen Milieu, dem Clan den Rücken kehren, ein neues Leben beginnen. Doch wie soll das gehen? Ist aus dem Gefängnis entlassen zu werden nicht doch nur ein weiterer Tag, an dem man mit seinem Leben weitermacht wie gehabt? Kaum wieder zuhause in dem Kaff, in dem seine Familie der Schrecken der wohlanständigen Bürger ist, macht der Vater ihm klar, dass Judah nichts ist ohne seine Familie. Ohne Plan, ohne Geld, ohne Job, ohne Unterstützung; Judah hat nichts von dem, was er bräuchte, seine Träume zu verwirklichen. Ohne den Clan ist er nichts, und Vater Sherwood hat bereits neue Pläne. Schon bald nach der wiedergewonnenen Freiheit erhält Judah den Anruf, der ihn zum nächsten Raub führt. Todsicher, sehr lukrativ, sagt der Vater. Die Cannons nehmen einer Motorrad-Gang, den Scorpions, Drogengeld ab. Judah fährt das Fluchtfahrzeug. Die Gang, vom neuen Boss ebenfalls wie eine alte paternalistische Großfamilie geführt, lässt sich überrumpeln. Das Drogengeld ist weg – und die Biker kommen damit zwangsläufig in Konflikt mit der charismatischen Predigerin Tulah und ihrem Neffen Felton. Die in der Gegend gefürchtete Frau Gottes hat den Drogendeal vorfinanziert. Das Netz für den Plot ist gelegt. Judah führt so alle Personen in diesem Kriminalroman zusammen. Er sitzt in der Mitte des Spinnennetzes, er führt die Gruppen – ohne dass er es ahnt – in einen blutigen Feldzug um Rache und Revierkämpfe. Zwischen den drei Familien – dem Cannon-Clan, der Predigerin mit ihrem Schlangen liebenden Neffen, ihren Ältesten der Pfingstgemeinde und den Rockern – beginnt ein Kreislauf von Rache und Gewalt, nachdem sich die Motorrad-Gangster feige am jüngsten Cannon-Bruder vergreifen, der als einziger unschuldig wie ein Kind mit dem Ganzen nichts zu tun hat. Das biblische Motto »Die Rache ist mein, spricht der Herr« treibt den Plot des Romans und öffnet tiefe Blicke in die Abgründe der Charaktere.

Steph Post schafft es, in ihrem Roman ganz ohne Ermittler auszukommen. Kein Sheriff taucht auf, kein FBI-Agent ist notwendig. Das Gesetz spielt keine Rolle, der Rechtsstaat ist nicht zu sehen. Niemand steht auf der »richtigen Seite des Gesetzes«. Es regiert allein der alttestamentarische, strafende Gott. »Wir alle sind fähig zur Gewalt«, sagt die Autorin – nur die Schwellen, die Menschen dafür überschreiten müssen, unterscheiden sich. Judah, Sherwood, die Biker mit ihrem Boss Jack O’Lantern, oder die dunkle Priesterin Tulah und ihr Neffe haben alle auf ihre Art Schwellen in ihrer Persönlichkeit, die sie hinter sich lassen. Sie brauchen Gewalt. Sie reagieren damit auf Situationen, in der sie keinen anderen Weg sehen. Auch Judahs Freundin Ramey, mit der er gemeinsam dieser unheilvollen Spirale von Gewalt und Hass entrinnen will, wägt ab im Kampf mit den anderen Gangstern. Lässt sich Gewalt ohne Gegengewalt bekämpfen? Auch Ramey schießt am Ende. Sie handelt kühl und kalkuliert, wo Judah impulsiv und wie aus dem Affekt agiert.

Die Autorin schildert mit ihren Charakteren ein Milieu, das sie selbst nur allzu gut kennt. Es ist eine raue Männergesellschaft, gewalttätig, deftig und politisch mehr als unkorrekt in der Sprache und mit klaren Hierarchien. Oben der Boss, dann die anderen – aber es gibt auch Frauen in dieser brutalen Männerwelt. Mit Tulah und Ramey sind es in Lightwood gerade die beiden Frauen, die noch vor den starken Männern die wirklich starken Figuren sind. Predigerin Tulah verkörpert das Böse, das unbegreiflich Abgründige. Sie ist mehr Luzifer als Heilige. Sie zieht im Hintergrund die Strippen, und auch sie ist bei aller Bosheit nicht frei in ihrem Handeln. Die beiden Frauen sind die wahren Gegenspielerinnen. Schon in Lightwood, dem ersten Band der Trilogie um Judah Cannon, zeichnet sich das ab. Die beiden starken Frauen haben ihre Rollen und rücken mit Biker-Mama Sheila immer stärker ins Zentrum der Geschichte. In der Männerwelt der Kleinkriminellen müssen die Frauen sich behaupten und um ihren Platz kämpfen. Sie sind Teil dieser Wirklichkeit.

Steph Post beschreibt dieses Milieu und die in ihr gefangenen Menschen auch deswegen so überzeugend, weil sie in einer ähnlichen Welt aufgewachsen ist. Die Arbeit in Bars und Tattoo-Studios hat sie mit Menschen zusammengebracht, die denen in Lightwood nahe verwandt sind. Auch die derbe Sprache hat sie dort gehört und gelernt. Das gibt den Charakteren einen realistischen Zug, sie sprechen authentisch, nichts wirkt übertrieben oder angelesen. Sie habe die Charaktere mit so viel Realismus wie möglich zeichnen wollen, sagt die Autorin. Und weil sie kennt, worüber sie schreibt, muss sie sich um Stereotype nicht sorgen, die sonst so oft zu finden sind, wenn Autoren in ihren gutbürgerlichen Altbauwohnungen der Großstädte versuchen, fiktiv in die Unterwelt der nicht so privilegierten Klassen einzutauchen.

Von amerikanischen Krimi-Kritikern ist Steph Post mit ihrer Trilogie als »Queen of Noir« in Florida bezeichnet worden. Auch wenn sie selbst sich so nicht sieht und Genre-Schubladen nicht mag: Mit ihren drei Büchern über Judah hat sie drei »Country Noir« geschrieben, die mit ihrer sehr eigenen Handschrift, die Sprache, Charaktere und den Plot auszeichnen, keinen Vergleich scheuen muss. Sie bringt die dunklen Seiten des Menschen zutage. Steph Post gräbt sie in Schichten aus. Sie zeigt, wie sich diese dunkle Seite, die schwarze Seele im Menschen in Lebenssituationen auch dann Bahn bricht, wenn man es eigentlich nicht will.

Das ländliche, das ärmliche Florida, das sie beschreibt, hat nichts zu tun mit dem Florida der Schönen und Reichen, das in den Medien verbreitet wird und dass die meisten vom Sonnenstaat im amerikanischen Südosten haben. In Lightwood zeigt Steph Post eine ganz andere, aber eben auch sehr wahre Seite des Sonnenstaates. Sie lebt mit ihrem Mann seit einigen Jahren schon abgeschieden in einer Region im Norden Floridas. Sie liebt Hunde, verkauft ihre eigene Kunst in einem kleinen Laden und hat eine Hühnerzucht (bisweilen wird sie gar als Hühnchen-Flüsterin bezeichnet). Ist die ländliche Idylle, in der sie heute lebt, eine Antwort auf ihre Jugend in den dunklen Ecken der Provinz? Sie mag es jedenfalls, stundenlang keine anderen Menschen zu sehen und allein mit ihren Tieren zu sein.

Brände, Feuer, aber auch Schlangen spielen eine große Rolle in den drei Judah-Kriminalromanen. Predigerin Tulah nutzt den Schrecken, den in den Gottesdiensten angedrohte Flammen und die Schlangen als vermeintliche Strafe Gottes in ihrer Gemeinde verbreiteten. Mit Angst hält sie die Mitglieder ihrer Gemeinde in Schach – und nimmt sie kräftig aus. Pfingstgemeinden wie die im Buch sind in der Provinz in den USA weit verbreitet. Auch extreme Prediger gibt es, die mit dem gefährlichen Symbol der Schlange spielen, dem Tier, das die Verantwortung für die Vertreibung der Menschen aus dem Paradies trägt. Steph Post hat Gottesdienste wie die, die sie in dem Buch beschreibt, selbst erlebt. Die Bibel wird von überzeugten Pfingstlern als unfehlbar und widerspruchsfrei angesehen. Die Gottesdienste sind oft lebhaft, es wird gesungen und getanzt bis zur Ekstase, die Predigten sind prophetisch, die Besucher des Gottesdienstes werden zu persönlichen Bekenntnissen aufgefordert, wenn sie Heilung und Segen wünschen. Die Grenzen zum Kult von Sekten sind fließend. Mit Tulah als Priesterin wirken die Gottesdienste nicht nur auf die Biker wie der erste Schritt zum Vorhof der Hölle.

Steph Post hat früh angefangen mit dem Schreiben. Als Lehrerin hat sie Schreiben über viele Jahre auch an Schulen unterrichtet. Es war ihr Mann, der ihr irgendwann sagte: »Wenn Du wirklich einen Roman schreiben willst, dann setz’ Dich hin und mach’ es.« Als sie Lightwood schrieb, unterrichtete die Autorin noch Vollzeit. Der Erfolg der Serie um Judah Cannon macht es ihr möglich, sich ganz auf das eigene Schreiben zu konzentrieren – und sich umso intensiver um Hunde, Küken und Hühner zu kümmern. Mit dem Unterricht pausiert sie. Einen vierten Band mit Judah, Ramey und Tulah wird es nicht geben. Die beiden starken Frauen, die in Lightwood noch nicht direkt aufeinandertreffen, entscheiden den Konflikt.