You get what you settle for

von Sonja Hartl

 

©Max Soklov / Adobe Stock

Kaum mehr als sechs Worte spricht Anna Paquin in Martin Scorseses „The Irishman“. Sie spielt die Tochter des Mafia-Gangsters Frank Sheeran, der Irishman, der Morde ausführt. Ihr Schweigen wurde in der Rezeption des Films vielfach thematisiert und diskutiert. Oftmals wurde dabei aber übersehen, dass dieses Schweigen typisch ist für Frauen in Mafiageschichten. Ehefrauen, Geliebte, Töchter haben meist wenig zu sagen, sie verzweifeln an ihrer Liebe, rasen vor Eifersucht oder gehen leise zugrunde. Bestimmt aber wird ihr Leben von dem Mann an ihrer Seite.

Solche Männerfiguren, die man – gespielt von Robert de Niro oder Ray Liotta – aus den Filmen von Martin Scorsese und anderen Regisseuren kennt, finden sich auch in William Boyles „Eine wahre Freundin“. Der 80-jährige Enzio, der im Wohnzimmer sitzt, Pornos guckt, seinen schwarzen 1962er Chevy Impala pflegt und gar nicht auf die Idee kommt, dass seine Nachbarin Rena kein Interesse an Sex mit ihm haben könnte. Oder Richie, der die ehrenhafte Vergangenheit vermisst, nun mit einem letzten Coup in ein neues Leben starten will, an seiner Seite natürlich die wesentlich jüngere Adrienne, mit der er das erste Mal Sex hatte, als sie 15 Jahre alt war. Sie verklären ihre eigene Vergangenheit, die eng verbunden ist mit ihrem Leben in Brooklyn, mit Menüs im Lioni’s, perfect egg cream im Hinsch‘s, Hot Dogs von Nathan’s und Erinnerungen an den World Series Sieg der Brooklyn Dodgers gegen die New York Yankees 1955. Diese Orte, dieses Brooklyn, kennt man aus Filmen und Büchern, William Boyle indes ist dort aufgewachsen, er hat jahrelang in diesem Nebeneinander aus Verklärung und Wirklichkeit gelebt. Deshalb beginnt schon bei der Beschreibung von Brooklyn das bestechende Verfahren dieses Buchs: viele Figuren, viele Motive, viele Szenen wirken einem Film entsprungen. Aber William Boyle entwickelt diese Vorgänger, Muster, Referenzen entscheidend weiter. Er fügt ihnen eine realistische Grundierung bei. Und er erzählt nicht von den Männern, über die schon so viel erzählt wurde, sondern von den Frauen – den Ehefrauen, Geliebten und Töchtern.

Rena Ruggiero ist auf den ersten Blick eine der stillen, treuen Ehefrauen. Ihr ganzes Leben hat sie in demselben Haus in der 35th Bay Street in dem Brooklyner Viertel Gravesend verbracht. Erst hat sie dort mit ihren Eltern gelebt, dann mit ihrem Ehemann Vic. Er war „in a bad business but had a soft voice and toughtful brown eyes. His associates called him Gentle Vic“. Vic war einer jener altmodischen Gangster: mit Prinzipien und einer gewissen Klasse – sofern man eben Klasse haben kann, wenn man im Auftrag von Gangstern Menschen verprügelt und ermordet. Rena hat niemals viele Fragen zu seiner Arbeit gestellt, obwohl sie natürlich wusste, womit er sein Geld verdient. Aber diese Arbeit wollte sie außerhalb des Hauses lassen, für sie war Vic ihr Ehemann, der sie an ihrem Hochzeitstag in ein Ressort in den Catskills ausführt und dem sie ein gemütliches Heim bereitet hat. Seit er auf der Veranda ihres Hauses erschossen wurde, lebt die 60-Jährige alleine und versucht nicht allzu oft an diesen Tag zu denken. Weil sie gelernt hat, Männer nicht zu verärgern, geht sie auf Enzios Essensangebot ein – und letztlich liegt er blutüberströmt am Boden und sie fährt in seinem Impala zu ihrer Tochter Adrienne. Rena ist eine versteckte Rebellin, eine Frau, in der eine wilde Seite steckt, die sie aber erst nach und nach entdeckt.

Auf Renas abenteuerlichen Reise ist Lacey „Wolfie“ Wolfstein an ihrer Seite. Ex-Pornodarstellerin, Ex-Radioshowhost und Ex-Betrügerin. Seit sie in Florida heiratswillige Männer ausgenommen hat, hofft sie in New York auf ein ruhiges Leben. In ihrem resoluten Auftreten, der Kontrolle, die sie über die absurdesten Situationen hat, in ihrem Einsatz für eine wildfremde Frau erinnert sie an Cassavetes‘ Gloria. Beide wollten nach mehr oder weniger kriminellen Jahren ein ruhiges Leben. Aber Frauen wie Wolfstein und Gloria sind nur bedingt für Ruhe gemacht, in ihnen steckt ein eigener Sinn von Loyalität, der wenig mit der vielbeschworenen Mafiatreue zu tun hat. Es ist eine Loyalität gegenüber denen, die ihnen etwas bedeuten – eine Loyalität, die mit Einsamkeit verbunden ist und die bemerkenswerte Freundschaften hervorbringt. Zu der Witwe eines Gangsters, die Hilfe braucht. Zu der umwerfenden, unvergesslichen Mo, die noch nicht einmal mit der Wimper zuckt, wenn Wolfstein jede Menge tödlichen Ärger mit in ihr Elternhaus bringt.

Wolfie lebt in Silver Beach in der Bronx, nur knappe 50 Kilometer von Gravesend entfernt, aber eine ganz andere Gegend. Sie ist die Nachbarin von Renas Tochter Adrienne, die einen kurzen, aber nachhaltigen Auftritt hat. Sie könnte kaum weniger mit ihrer Mutter gemeinsam haben, sie ist laut, schrill und hat zu allem eine Meinung. Wie Mercedes Ruehl in „Married to the mob“ ist sie überzeugt, sie wüsste, was läuft, und ist fest entschlossen, die Dinge in ihrem Sinn zu beeinflussen. Sie mag billigen Protz, vertraut auf ihre sexuelle Ausstrahlung und schießt gelegentlich über das Ziel hinaus.

Anders dagegen Adriennes Tochter Lucia. Sie ist wesentlicher ruhiger als ihre Mutter, außerdem fest entschlossen, ihr Leben nicht in Abhängigkeit von einem Mann zu gestalten. Auf den ersten Blick mag sie aufgrund ihres Alters und ihrer stillen Entschlossenheit an Natalie Portman in „Léon, der Profi“ erinnern, aber sie wird nicht zu einer Mörderin, sie entwickelt keine sexualisierte Beziehung zu einem Mann, der ihr Vater sein könnte – wohin das führt, hat sie ja bei ihrer Mutter gesehen. Doch diese Sehnsucht nach einem Vater oder vielmehr einer Vaterfigur prägt auch sie. Sie projiziert alles, was sie sich wünscht für ihr Leben, in dieses Ziel, ihren Vater zu finden, und muss dann schmerzlich erkennen, dass ihre Mutter sicherlich nicht alles richtig gemacht hat im Leben, aber bei der Einschätzung des Mannes, der sie gezeugt hat, goldrichtig lag. Das in Mafiageschichten überhöhte Loyalitätskonzept Familie ist hier ein obskurer Sehnsuchtsort, verbunden mit Enttäuschung. Wie könnte es auch anders sein, wenn Menschen in diesem Verbund einander verletzen oder sogar töten? Einzig in ihrer Großmutter findet Lucia widerwillig, was sie eigentlich sucht; richtig heimelig wird es aber erst durch die Wahlverwandtschaften, die beim finalen Essen mit am Tisch sitzen. Lucia, Rena und Wolfie verbindet nämlich etwas, was stärker ist als familiäre Bande: Sie sind letztlich alle hustlers – sie sind free of some agony that regular folks seem to hold on to. Hustlers know the quick demise, failure no stopping force. You have to hustle through failure.

Die Frauen in diesem Roman wollen ein neues, ein anderes Leben. Menschen, die ihre Vergangenheit abschütteln wollen, sind ein wiederkehrendes Thema bei William Boyle. In „Gravesend“ suchte ein Ex-Häftling eine zweite Chance, in „Einsame Zeugin“ versucht Barkeeperin Amy einen neuen Anfang durch gute Taten zu finden. In „Eine wahre Freundin“ kommt das ungleiche Trio, das vor der Vergangenheit flieht, am Ende dort an, wo es aufgebrochen ist. Der Vergangenheit kann man nicht entkommen, man kann nur dort, wo man ist, weitermachen.

Mit dem Handlungsort, der Erzählweise und den Motiven erinnert „Eine wahre Freundin“ somit an „Gravesend“ und „Einsame Zeugin“, stilistisch ist es jedoch deutlich komischer, insbesondere in den gewalttätigen Szenen. Gewalt und Komik sind eine heikle Verbindung. Allzu oft wird Gewalt insbesondere durch die gerne zur Distinktion eingesetzte Ironie banalisiert. Bei William Boyle aber gibt es keine Ironie, keine Distanz, kein Lachen über jemanden, sondern die Komik entspringt aus den Figuren, ihren Handlungen und ihrer Wahrnehmung. Die brachiale Gewalt evoziert einen Bruch, weil sie völlig unangemessen ist: Richies Beine werden mit einem Hammer gebrochen, er wird von einem Auto überfahren, landet schwer verletzt auf der Rückbank. Eigentlich müsste er längst tot sein, dann richtet er sich entgegen aller Wahrscheinlichkeit wieder auf und denkt dabei noch an „Weekend at Bernie’s“ und „Night of the Living Dead“.

Eine der komischsten Szenen dieses Romans ist das groteske Gemetzel in Wolfsteins Haus. Zunächst kommt es zu Wortgefechten über Anstand, ausgerechnet zwischen Enzio und Richie, die sich alles andere als anständig verhalten haben und damit nochmals markieren, was sich Männer in der Regel so herausnehmen. Dazu kommt dann aber der hilflose verliebte Bobby, der nun auch einmal den harten Macker spielen will und mit einer Pistole herumfuchtelt. Wolfstein erkennt die Gefahr, garniert wird sie mit einer Referenz: “You’re funny, Bobby, I’ll give you that. A funny guy.” Liotta to Pesci in Goodfellas coming out in her voice a little. Impossible to say those words and not say them that way.“ Danach schießt Bobby versehentlich Adrienne an, taucht der hammerschwingende Crea auf und entkommen Rena, Wolfie und Lucia mittels einer Leiter. Diese Referenzialität gepaart mit Slapstick zersetzt die Gewalt, Eskalation paart sich mit Untertreibung.

Die prägnante Verbindung aus präzisen Dialogen, Alltäglichem und eskalierender Gewalt, die die Absurdität noch herausstellt, lässt an Elmore Leonard denken, den großen Namen der komischen Kriminalliteratur. William Boyle selbst hat seinen Roman als „Screwball Noir“ bezeichnet – in Anlehnung insbesondere an Filme wie Jonathan Demmes „Something Wild“ oder „Married to the Mob“. Doch die bemerkenswerte Beziehung in diesem Roman entsteht nicht zwischen einem Mann und einer Frau, die Dialoge sind keine Flirts. Frauen werden hier nicht zum Spielball zweier Männer. Sie müssen nicht auf einen Mann mit einem ehrlichen Job warten, der sie rettet. Sie lösen die Handlung nicht nur aus, sondern bleiben die handelnden Figuren. Sie retten einander. Boyles Roman ist kein Zitatefest, kein Meta-Roman, sondern eine eigenständige Gangstererzählung, die in den frühen 2000er Jahren spielt, aber ungemein gegenwärtig ist.

„Eine wahre Freundin“ ist eine absurde, komische, wahnwitzige und berührende Ode an die Freundschaft – vor allem zwischen Frauen jenseits von 60 Jahren. Rena und Wolfie stehen einander bei, egal, ob es gegen eine zänkische Tochter oder einen hammerschwingenden Psychopathen geht. Wenn Thelma und Louise nicht im Grand Canyon gestorben sind, könnten sie an einem Tisch in Gravesend sitzen und Ziti und Braciole essen.