Karfreitag 1988

©Christoph Kretschmer/Adobe Stock

Klagende Rufe drangen vom Rand her in unruhige, alkoholgeschwängerte Träume vor. Besonders in den frühen Morgenstunden kurz nach der Dämmerung, wenn sich alles ein wenig langsamer bewegte und die Sonne gerade erst über den Horizont stieg, erzeugte das unablässige hohe Wehgeschrei einen Sog des Grauens. Wollte man das Gefühl von Verzweiflung durch ein einziges Geräusch ausdrücken, wäre es das heisere Krächzen eines Krähenschwarms.
Es wurde lauter, dringlicher, als versuchten die Vögel mit aller Macht, Caps Aufmerksamkeit zu erregen, aber er war noch nicht bereit für diesen Tag und das, was er mit sich brachte. Er rollte sich auf die Seite und zog die Wolldecke über den Kopf, um das schreckliche Krächzen auszublenden, aber vergeblich. Die Krähen hatten ihn über die Schwelle zwischen Schlaf und Wachsein geführt, und von dort gab es kein Zurück.
Seine ausgetrocknete Kehle brannte, und das Schlucken tat weh. Er griff nach dem Wasserglas auf dem Nachttischchen, aber als er es ansetzte, roch er den Bourbon vom gestrigen Abend darin. Er hielt es an die Lippen. Nur aus Vernunft widerstand er dem Impuls, den Bourbon hinunterzustürzen, um den drohenden Kater zu verscheuchen.
Er schob die Beine unter der Decke hervor und rieb sich die Schläfen, versuchte, Ordnung in seinem Kopf zu schaffen.
Welcher Tag war heute?
Mittwoch.
Vielleicht auch Donnerstag.
Ganz bestimmt nicht Sonntag.
Ein stiller Dank an Gott, dass nicht Sonntag war – für viele ein Tag der Ruhe, aber nicht für Cap. Der Sonntag war für ihn der schwierigste Tag. Ihm entging nicht die Ironie, wie sehr er den siebten Tag mittlerweile fürchtete.
In dem Moment kam es ihm – es war Freitag. Karfreitag.
Das Zimmer hatte sich seit seiner Kindheit kaum verändert. Es war spärlich und langweilig möbliert, allein nach praktischen Gesichtspunkten. Eine Kommode mit einem schlichten Spiegel darüber. Neben dem einzigen Fenster, aus dem er eigentlich nie sah, ein Holzstuhl, auf dem er eigentlich nie saß. Der Dielenboden war vor Kurzem gekehrt und mit Murphys Ölseife gewischt worden. Die Wände waren in demselben Beige gestrichen wie in dem Seminar, in dem er endgültig erwachsen geworden war. Anstelle des Stockbetts aus seiner Kindheit stand jetzt ein richtiges Bett darin, über dessen Kopfteil ein aus Walnussholz geschnitzter Jesus hing. Schon bevor Cap hier einzog, hatte das Kruzifix an dieser Stelle gehangen, von seinem Vater vor der Geburt seiner Söhne an die Wand genagelt. Niemals wäre ihm in den Sinn gekommen, es abzunehmen. Also blieb der leidende Christus, hielt still Wache über seinem Bett und hatte ihn im Auge, ständig.
Cap schlurfte ins Bad, ließ warmes Wasser über seine schwielenfreien Hände laufen und wusch sie gründlich. Dann spritzte er sich Wasser ins Gesicht, fuhr sich über die Stoppeln am Kinn und strich über seinen dichten Schnurrbart. Wie jeden Morgen inspizierte er den Spalt in seiner Oberlippe, um sicherzugehen, dass die Barthaare lang genug waren, um den Makel zu überdecken.
Mit geschlossenen Augen putzte er sich die Zähne. Hielt den Kamm unter den Wasserhahn und zog ihn durch seine Haare. Schlüpfte in den Morgenmantel und wickelte den Gürtel darum. Der Mensch bestand aus Routine.
Langsam ging er die Treppe hinunter und sah nach, ob Tess schon aufgestanden war, aber das Wohnzimmer war leer. Am Rand des Sofatischs stand ein Glas Rotwein, als wäre es dort rasch abgestellt und vergessen worden.
Ein kalter Luftzug strich um seine Knöchel, und er bemerkte, dass die Haustür hin und her schwang. Er verriegelte die Tür und fragte sich, ob Tess in seinem Zimmer oder drüben in der Pfarrwohnung geschlafen hatte. Hatten sie sich gestritten? Hatte er etwas gesagt, das er jetzt bereuen würde? Er brauchte ein paar Tassen Kaffee, um die zersplitterten Erinnerungen an den gestrigen Abend halbwegs zusammensetzen zu können.
Mit neuer Dringlichkeit nahmen die Krähen ihr Geschrei wieder auf. Noch lauter, geradezu panisch. Vielleicht waren sie zwischendurch auch gar nicht verstummt, und Cap hatte sie in seinem verwirrten Geisteszustand nur ausgeblendet. Er überlegte, dass sie wahrscheinlich ein Mäusenest unter dem Haus entdeckt hatten und jetzt außer Rand und Band waren, weil sie unbedingt die winzigen, zarten Jungen fressen wollten.
In der Küche folgten weitere gewohnte Handgriffe. Er füllte einen Wasserkessel und stellte ihn auf den Herd. Holte eine Dose Folgers-Instantkaffee aus dem Schrank, füllte die Zuckerdose auf und nahm die Milchflasche aus dem Kühlschrank.
Der Kessel dampfte und pfiff. Gerade als Cap drei gehäufte Löffel Kaffee in seinen Becher gab, flatterte etwas Schwarzes am Küchenfenster vorbei.
»Mistviecher«, sagte er heiser, die Stimmbänder rau wie ein Reibeisen. Er riss die Tür zur hinteren Veranda auf und wurde von wildem Flügelschlagen empfangen. Dreißig, vierzig Krähen stoben auf, und der Himmel verfinsterte sich kurz. Der pechschwarze Schwarm stieg in Richtung Norden empor, dann flog er in einem weiten Bogen zurück und ließ sich in einer wogenden Masse auf dem schneebedeckten Boden vor der Verandatreppe nieder.
Er machte einen Schritt, und ein stechender Schmerz schoss durch seinen Fuß das Bein hoch. Der Boden um die Tür war mit Scherben übersät. Aus dem Schnitt in seiner nackten Fußsohle sickerte Blut. Vor Schreck ließ er beinahe den Kaffeebecher fallen. Er zog die Glasscherbe aus seinem Fuß und bemerkte dabei die vielen gefrorenen roten Spritzer auf dem Beton, die nicht nur von seinem Blut stammen konnten. Vielleicht war es verschütteter Wein. Er trat auf die Veranda und sah zu den Krähen, die sich mit gesträubtem Gefieder ankreischten und wie rasend mit gebogenen Krallen auf Beton und Eis scharrten.
Cap blickte auf die Betonstufen, die den Hügel hinunterführten, auf dessen Kuppe sein Haus stand. Insgesamt dreiunddreißig. Die Treppe war viel zu steil, und er nahm sie so gut wie nie, erst recht nicht im Winter, wenn sie vereist war. Auf der Veranda stand ein Sack Salz griffbereit, falls er einmal daran denken sollte, welches zu streuen, aber noch war er verschlossen.
Immer noch flatterten und hüpften die Krähen über den Boden und hackten nach einander. Etwas musste sie reizen.
»Macht schon. Haut ab!«, rief er laut.
Die Vögel achteten nicht auf ihn, schlugen nur weiter mit den Flügeln.
Der Wind fuhr durch seinen Flanellschlafanzug, und gerade als er beschloss, zurück in die warme Küche zu gehen, blitzte zwischen dem wogenden Gefieder kurz etwas auf: ein Schuh. Ein schwarz verschmierter Schuh. Feucht glänzend.
»Verdammt.« Vorsichtig ging er die Stufen hinunter, aus dem Becher in seiner Hand schwappte heißer Kaffee auf seine Brust und seine Beine. Aufsteigende Panik verdrängte den Schmerz, und auch den blutenden Schnitt in seiner Fußsohle spürte er nicht mehr.
Ein paar Krähen flogen auf, dann noch ein paar, und gaben Cap den Blick auf die untere Hälfte eines Körpers frei, der in einer gefrorenen Blutlache im Schnee lag. »O Gott …«
Erst in diesem Moment glitt der Becher aus seiner Hand, und das Porzellan zerbarst an der Kante einer Stufe. Durch den Knall aufgeschreckt, stoben auch die übrigen Krähen auf und flohen mit diesem schrecklichen verzweifelten Krächzen in den Himmel über Pennsylvania, der sich augenblicklich verdunkelte.