You Can’t Go Home Again

Von der Unmöglichkeit, wieder nach Hause kommen zu können

Ein Nachwort von Alf Mayer 

©Max Soklov/Adobe Stock

Wenn es einen Song gibt, der Ihnen diesen Roman erzählt, dann ist das »You Can‘t Go Home Again« von Chet Baker, 1977 aufgenommen. Seine Trompete schmerzhaft lockend, verhalten klagend, emotional. Baker nimmt das »Dies Irae«-Motiv aus dem 3. Satz von Rachmaninows 2. Symphonie zum Grundthema. Ein Adagio: Lockruf, Trauer, leiser Schmerz, verhallende Erinnerung. Bittersüß. Ich habe die Aufnahme beim Lesen mehrmals gehört. Sie hallt nach – wie auch dieser Roman. Ein wirklich erstaunliches Debüt. Wunderbarer Weise mit dem »Edgar« ausgezeichnet. Und dem französischen »Transfuge Prix Polar«.

Henry Wise hatte beim Schreiben in keiner Weise damit gerechnet, dass sein Buch veröffentlicht würde. Er sagt, genau das habe ihm die Freiheit gegeben, so zu schreiben, wie es für ihn richtig war. Er dachte nicht ans Verkaufen, er dachte an keinen Markt. Er war ganz bei sich. Bei seinen Worten. Seinen Sätzen. Und all dem dazwischen. Eigentlich ist Henry A. Wise III. ein Poet. Und er wollte von sich wissen, wie es wäre, einen Roman zu schreiben. (Die gute Nachricht ist: Er arbeitet schon an einem zweiten.)

Vor HOLY CITY hatte er nur Gedichte veröffentlicht und sehr persönliche Reportagen sowie einiges an Schwarzweiß-Fotografie. Seine Dissertation als »Master of Fine Arts« von 2015 an der »Ole Miss« in Oxford/Mississippi trug den Titel »Thisness, or: 100 Paces« (Diesheit, oder: 100 Schritte) und bestand außer einem fünfzeiligen »Abstract« nur aus einer Serie von Gedichten, mehr als 80 Seiten lang, die Fragen der Identität und die Essenz des Lebens erkundeten. Wise entwickelte dafür eine Art drei-strophige parallele Schreibweise: drei Ebenen in einer Zeile. Klingt kompliziert, ist aber, wenn man sich darauf einlässt, ebenso eingängig wie Chet Baker. Oder Rachmaninow.

»Am Ende gehört er mir, der Ort meiner Geburt, und seine Sprache besitzt mich«, dieses berühmte Zitat von Ross MacDonald, das er seinen Detektiv Lew Archer im Roman »Geld kostet zuviel« (The Goodbye Look, 1969) sagen lässt, umreißt vielleicht am prägnantesten, welche enge Verbindung (vor allem?) eine bestimmte Art von Kriminalliteratur mit dem Ort ihres Geschehens einzugehen vermag. Ich rede von »Country
Noir«. So gut wie jeder Roman des Polar Verlags – sei er von Attica Locke, Todd J. Scott, William Boyle, James Anderson, Anthony J. Quinn, Doug Johnstone, Taylor Brown, David Joy oder Benjamin Whitmer, um nur einige zu nennen – ist auf eine ganz erstaunliche Art und Weise an seinem je eigenen Schauplatz »geerdet«, zeigt eine außerordentliche Sensibilität für Ort und Zeit. Sehr oft ist das die Provinz. Sehr oft sind das Orte, in denen man beim Vorbeifahren nicht anhalten würde. Welch ein Verlust, lehren uns dann die Romane.

Henry Wise ist Südstaatler. Sein Ur-Ur-Urgroßvater war Gouverneur von Virginia. Und wie zahlreiche Vorfahren vor ihm besuchte er als College das Virginia Military Institute (VMI), an dem er nach dem Studium in Oxford, Mississippi, und Auslandsjahren auf Taiwan heute als Literaturprofessor arbeitet, kreatives Schreiben lehrt und die Literaturzeitschrift »Cadence« mitbetreut. Er hat Kurse über »Frontier American Literature« gegeben, über William Faulkner, Cormac McCarthy, Mark Twain und Ralph Waldo Emerson. Seine Gedichte erschienen in Magazinen wie »Shenandoah«, »Radar Poetry«, »Clackamas«, »Eunoia Review« und »Southern Cultures«. Erst der 85. Literaturagent, den er kontaktierte, nahm ihn als Romanautor an. Von so weit draußen kommt er her.

Schon der erste Satz wirft uns einen Brandsatz in den Schoß, katapultiert uns in den Pickup seines Protagonisten, der gerade aus einem Traum aufschreckt, «steif wie eine tote Katze«, und sofort nach seiner Pistole tastet. Deputy Sheriff Will Seems hat wieder einmal eine endlos lange Nacht mit Herumfahren verbracht, »im Radio nur das zornige Wort Gottes, der einzige Sender, den es hier draußen gab«. Und dann war er am Fluss eingeschlafen, nicht weit von da, wo es damals geschehen war und er sich Schuld aufbürdete, die sich nie löschen ließ. Bis heute nicht. Wie eine Gewitterwolke mit aufziehendem Wind, wie das Trompetensolo von Chet Baker treibt uns diese ahnungsvolle Verlorenheit durch die ersten hundert Seiten, führt uns der Autor durch eine Landschaft beschädigter Seelen.

Und es wird
immer noch
schlimmer.

Im Roman heißt es: »Die Menschen hier schienen unter einer Wolke aus Niederlagen zu leben, selbst zugefügt und ererbt. Die Weißen hatten den verlorenen Bürgerkrieg, die Schwarzen die Sklaverei. Man könnte denken, sie würden sich erbittert gegenüberstehen, aber tatsächlich hockten sie alle im selben Graben, und da draußen lauerte der Rest des Staates, der Rest des Landes.« Die Landschaft fühlt sich tot an. Das Land ist rau, hart, dornig, der Boden nackt und bizarr »wie ein gehäuteter Bär«, die vereinzelten Bäume stehen wie zerklüftete Grabsteine. Euphoria County, wie diese Gegend heißt, »schien sich für viele seiner Bewohner wie eine Schraubzwinge anzufühlen, die sich immer enger zog, entweder wurde man zerquetscht oder hinausgedrückt, um sich anderswo ein Leben zu suchen«.

Will Seems ist nach zehn Jahren in Richmond – genannt HOLY CITY – in eine Gegend zurückgekehrt, die er in jedem dieser zehn Jahre »Heimat« genannt hatte, und die, wie er jetzt erkennt, von einer Schar der Verlorenen und Versprengten bevölkert ist. Angezogen und abgestoßen ist Will davon, seit einem Jahr nun wieder hier. Gefangen in sich selbst. In seiner Herkunft und dem, was er erlebt und verschuldet hat. Nirgends gehört er dazu. In der Fremde, in Richmond, der HOLY CITY (der Begriff wird weiter unten noch erklärt), war er nicht daheim. Aber auch da, wo er herkommt, gehört er nicht mehr dazu. Weil er weggegangen ist – viele von uns, die wir dieses Buch lesen und einst selbst aus ihrer dörflichen Umgebung weggegangen sind, kennen dieses Gefühl der Heimatlosigkeit (in Abstufungen). Bei Will ist es existentiell. Aber »so konnte es nicht weitergehen, dass er jede Nacht durch die Gegend fuhr, bis er müde wurde, am Fluss schlief und früh wieder losfuhr, bevor die Angler mit ihren Eimern und Ruten kamen«.

Es ist ein eignes »Yoknapatawpha County« (wie William Faulkner seinen fiktiven Landstrich taufte, aus dem er dann literarisch schöpfte), das Henry Wise sich entwirft und uns mit der Kraft und dem Feuer eines Poeten auf die Buchseiten malt. Einen Ort namens »Promised Land« gibt es dort (Gelobtes Land), ein Sumpfgebiet namens »Snakefoot« (Schlangenfuß), die Hauptstadt Richmond als »Holy City« (Heilige Stadt) und das County »Euphoria«. Da hilft wirklich nur noch Beten. Euphoria County kommt dem Hauptprotagonisten des Romans »manchmal vor wie eine vergessene Straße ins Nichts«.

Den Begriff der heiligen Stadt prägte nach meinen Recherchen der Senator Ed Willey (1910-1986), der sich dabei auf die regelmäßigen Pilgerreisen der Senatoren und Abgeordneten in die Hauptstadt Virginias bezog. Richmond war aber auch wegen seiner zahlreichen Konföderierten-Monumenten landesweit berühmt und allen Rückwärtsgewandten »heilig«. Den Prachtboulevard der Monument Avenue zierten bis 2020/21 die Statuen von Robert Edward Lee, James Ewell Brown »Jeb« Stuart, Thomas Jonathan »Stonewall« Jackson, Matthew Fontaine Maury. Sie alle waren ehemalige Führungsfiguren der Südstaaten, die als Generäle oder Politiker gegen die Abschaffung der Sklaverei gekämpft hatten. Erst nach dem gewaltsamen Tod von George Floyd und den dadurch ausgelösten Protesten der Bewegung »Black Lives Matter« wurden diese Denkmäler hinterfragt und demontiert. (Bleibt abzuwarten, wann Trump sie wieder aufstellen lässt.)

Im Roman von Henry Wise stehen in Richmond noch die Statuen, das verortet ihn vor dem Jahr 2020. Die Auseinandersetzung mit der Südstaaten-Geschichte ist eine der Unterströmungen im Buch. »Ich dachte, du wärst anders. Ein Weißer, dem nicht alles egal ist«, sagt eine Schwarze Frau einmal zu Will Seems. (Der Familienname bedeutet übersetzt auch Schein, oder Scheinbar.)
»Heartlands« nennt man in der anglo-amerikanischen Literatur die Konstruktion von Heimat als einer moralischen Landschaft, die oft mit dem ländlichen oder industriellen Kernland der USA verbunden ist und eine bestimmte Art von Werten repräsentiert. Um »Heimat« geht es wieder und wieder in diesem Roman. Und um die Unmöglichkeit von Rückkehr, wenn man einmal fort gewesen ist. »Am Ende gehört er mir, der Ort meiner Geburt, und seine Sprache besitzt mich.«

»You Can’t Go Home Again«. Das wusste auch der große amerikanische Schriftsteller Thomas Wolfe (1900-1938), dessen posthum veröffentlichter, gleichnamiger Roman bei uns als »Es führt kein Weg zurück« erschienen ist. Will Seems hat den Jahren seines Exils immer von diesem Ort geträumt. Er erinnert sich deutlicher an seine Kindheit und Jugend als an das, was er am Morgen erlebt hat. »Hier hatte alles angefangen, hier war er noch immer. Seine Rückkehr hatte sich angefühlt, als würde er die Erde über einem Grab aufbuddeln«, heißt es im Roman.

In Thomas Wolfes »Es führt kein Weg zurück« steht der tröstliche und gleichzeitig furchtbare Satz: »Alle Dinge, die zur Erde gehören, werden sich niemals ändern – das Blatt, das Gras, die Blume, der Wind, der weint und schläft und wieder erwacht.« Auch Henry Wise in seinem poetischen Roman vermag solch universelle Akkorde anzuschlagen. Das hebt ihn auf eine Ebene mit Chet Baker, und, wenn wir eine literarische Ebene wollen – mit Joseph Conrad. Dessen Charaktertiefe, spezifisch in »Lord Jim«, war Ansporn und Messlatte für den zum Schriftsteller gewordenen Poeten Henry Wise.

Was geschieht, wenn man trotzdem zurückgeht – obwohl eine Heimkehr unmöglich ist – und wieder Teil dessen sein will, das man verlassen hat? Drogenabhängigkeit ist ein Thema im Buch. Will nimmt keine Drogen, aber die Rückkehr ist fast so etwas wie ein Rückfall für ihn. Wenn er wüsste, was für ihn gut ist, würde er nicht in Euphoria Country sein. Aber er ist es trotzdem. Es zieht ihn zurück. Viele Dinge und Gefühle ziehen ihn zurück. Unter anderem ein gewaltig großes Schuldgefühl. Wie wir lernen ist es sogar mehrstöckig, umfasst mehrere Generationen.

Wir denken »Heimat ist da, wo das Herz ist« oder »Es gibt nichts Schöneres als Zuhause«, »Home Sweet Home« Aber was ist, wenn es dort toxisch ist?