Sprache kann die Linse sein, durch die der Leser die Welt sieht

Henry Wise im Gespräch mit Alf Mayer
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Wie fühlt es sich an, gleich mit dem ersten Roman den »Edgar« zu gewinnen?
Ich habe bis heute kein Wort dafür. Man glaubt, zu träumen. Zumal dieses »gleich« die Sache nicht ganz richtig wiedergibt. Bis zu meinem Roman HOLY CITY war es ein langer Weg, ein sehr langer sogar. Es dauerte auch lange, überhaupt einen Agenten für meinen Roman zu finden. John Talbot war der 85. Literaturagent, bei dem ich anfragte. Ich wollte einfach nicht aufgeben – und dann habe ich den absolut Richtigen gefunden.

… und der hat dann Joe Brosnan und den Verlag Grove Atlantic aufgetan, in dem auch James Lee Burke erscheint?
Ja. Für mich ist das der perfekte Verlag, und Joe Brosnan dort ist der ideale Herausgeber und Lektor. Mit beiden kann ich mich nur glücklich preisen. John Talbot war von Anfang an enthusiastisch und Joe Brosnan ist eine Legende. Sein Independent Verlag hat jede Menge »street credit« darin, immer wieder innovative, herausfordernde Bücher in die Welt zu bringen und Autoren zu entdecken. Joe hat schnell erkannt, was ich mit meinem Schreiben versuche. Er hat mich darin ermutigt. Er hat nicht versucht, meinen Roman stromlinienförmiger zu machen. Für ihn gilt, dass Qualität das Allerwichtigste ist. Joe Brosnan ist ein Ermunterer. Das ist wunderbar für den kreativen Prozess. Wenn das dann Anderen auffällt und mit einem Preis belohnt wird, dann ist das ein wahrer Glücksmoment.

Sie haben vor HOLY CITY Gedichte geschrieben, sogar Ihre Magisterarbeit als Gedicht eingereicht. Wie ist es dann, einen Roman zu schreiben?
Ehrlich gesagt, wollte ich das schon immer. Aber davon war ich weit entfernt und habe mich immer darüber gewundert, wie das geht, ein Buch zu schreiben. Habe mich gewundert, wie man es schaffen kann, eine Figur so lange im Fokus zu halten dass es für ein Buch reicht. Für Gedichte gilt ja sozusagen ein kleineres Kaliber. Auf der anderen Seite wird in ihnen jedes einzelne Wort immens wichtig. Das hat mich angezogen. Der Poet RT »Rod« Smith hat mich darin bestärkt. Er war Professor an der Washington and Lee University in Lexington, Virginia, und Herausgeber des Literaturmagazins »Shenandoah«. Er hat meine Gedichte in der gleichen Ausgabe wie die von James Lee Burke veröffentlicht.

Zum zweiten Mal jetzt dieser Name. Sie scheinen ihm irgendwie auf der Spur zu sein…
(lacht) Aber nein. Vielleicht ist es ja nur Zufall: gleiche Literaturzeitschrift, gleicher Verlag. Jedenfalls ist es für mich eine große Ehre, in der Gesellschaft von James Lee Burke zu sein. Fakt ist: Wir sind beide im Süden verwurzelt, damit fühle ich mich ihm sehr verwandt. Er ist ein Gigant. Ich bin ein Nachgeborener. Er ist Jahrgang 1936, ich bin 1982 geboren, uns trennen 46 Jahre. Und unterm Strich musste er viel länger warten bis er mit seinen Büchern wahrgenommen wurde und sich der erste Erfolg einstellte. Wenn, hat auch seine Hartnäckigkeit mich immer mit inspiriert.

Was ist das mit der Hartnäckigkeit? Die braucht man als Schreiber?
Aber sicher. Wir würden dieses Interview nicht führen, mich gäbe es gar nicht als Autor – ohne sie. Wenn man es nicht unbedingt will, wenn man es nicht wieder und wieder versucht, dann wird das nichts mit dem Schreiben. Das habe ich gelernt. Wenn du etwas hast, das du unbedingt ausdrücken musst, und dir die gesetzten Regeln und Grenzen egal sind, sondern du dich einfach mit etwas auf dem Papier auseinandersetzen musst als hinge dein Leben davon ab, dann findest du auch einen Weg. Wenn es aber nur eine nette Idee ist – wenn eben nur die Vorstellung, Künstler oder Schriftsteller zu sein, der Hauptantrieb für das Schreiben ist –, dann wirst du wahrscheinlich aufgeben, wenn der Schreibprozess mal schlecht läuft. Und das wird er mit Sicherheit.

Und wie hilft es dabei, ein Lyriker zu sein?
Gedichte zu lesen und noch mehr, Gedichte zu schreiben, hat mich gelehrt, jeder Entscheidung Aufmerksamkeit zu schenken, so klein sie auch sein mag – von der Form bis zu dem, was man beschreiben will. Jedes Wort. Jeder Satz. Als ich meinen ersten Entwurf zu HOLY CITY durchgelesen habe, ist mir aufgefallen, dass sich eine Art düstere Poetik entwickelt hatte und dass genau die für die Welt meines Buchs unerlässlich war. Da wurde mir klar, dass Sprache mehr sein kann als nur das Vehikel für eine Geschichte. Sprache kann die Linse sein, durch die der Leser die Welt sieht. Für mich spiegelt der Rhythmus der Sprache meines Romans die Atmosphäre von Euphoria County wider, wo die Geschichte spielt: die gewundenen Straßen, die verborgenen Geheimnisse, die geheimnisvolle Flora, die aufgeladene Stimmung. Ich bin mir nicht sicher, ob ich diese Spiegelung erkannt hätte, wenn ich mich nicht zuvor an Gedichten versucht hätte.

Lyriker sind also die besseren Romanautoren?
(lacht) Sie schreiben vielleicht zumindest die schöneren Sätze, würde ich sagen. Mit der Geschichte – dem Plot – und der Art, wie man sie erzählt, haben sie genauso zu kämpfen wie jeder »normale« Autor. Ich denke, HOLY CITY ist ein Roman, in dem die Art des Schreibens ein wichtiger Bestandteil ist, nicht nur die Geschichte selbst. Der Stil prägt die Wahrnehmung der Welt in meinem Roman. Ich denke, im Süden macht das besonderen Sinn. Würde ich einen Roman in Wyoming oder woanders ansiedeln, würde der sich völlig anders lesen.

Wenn wir vom Süden reden meinen wir die Südstaaten der USA. Dort, wo Sklaverei herrschte und wo der Amerikanische Bürgerkrieg besonders heftig tobte. Was ist das mit dem Süden? Heute noch?
Nun, als ob wir kein Rassismus-Problem in den USA hätten. Natürlich ist das ein Thema. Das Thema! Alle diese Gemengelagen unserer Geschichte sind mir seit langer Zeit vertraut. Ich denke, ich bin des Bürgerkriegs schon müde gewesen am Tag als ich geboren wurde. In meinem Roman gibt es die Stelle: »Die Menschen hier schienen unter einer Wolke aus Niederlagen zu leben, selbst zugefügt und ererbt. Die Weißen hatten den verlorenen Bürgerkrieg, die Schwarzen die Sklaverei. Man könnte denken, sie würden sich erbittert gegenüberstehen, aber tatsächlich hockten sie alle im selben Graben, und da draußen lauerte der Rest des Staates, der Rest des Landes.«

Ich habe recherchiert, den Fakt aber noch nirgends in einem Interview bestätigt gefunden: Ist es richtig, dass einer Ihrer Vorfahren Gouverneur von Virginia war?
Ja, das war er. Von 1856-1860. Er war mein Ur-Ur-Urgroßvater. Ich trage sogar seinen vollen Namen: Henry A. Wise, mit dem Zusatz III., der Dritte. Er war ein Befürworter der Sklaverei und der Unabhängigkeit der Südstaaten. Als Südstaatler wurde ich nicht nur eben zufällig in Virginia geboren, sondern bin wie viele Südstaatler mit einem starken Gefühl von »Hier kommst du her« und »Das ist meine Heimat« aufgewachsen. Das schüttelt man nie ab. Für mich als Südstaatler gab es immer eine mehrfache innere Zerrissenheit. Die eine ist unsere Rassismus-Geschichte, die sich durch die eigene Haltung und Familie zieht – man muss sich dazu verhalten. Besonders wenn man einen Roman schreibt. Meine Haltung dazu ist, denke ich, glasklar. Der andere Riss bei mir ist der zwischen Stadt und Land, oder Provinz und Landeshauptstadt. Ich bin knapp außerhalb von Richmond, Virginia, aufgewachsen, aber meine Wurzeln reichen tief ins Hinterland. Meine Großmutter kam aus einem Haus, das 1834 erbaut wurde. Also vor dem Bürgerkrieg. Es steht immer noch. Wenn man es betritt oder unseren Familienfriedhof besucht, dann spürt man die Jahrhunderte, und das was unter ihnen begraben liegt: Die Tatsache, dass die »Native Americans« vor uns da waren, ja dass es in Virginia sogar einmal Büffel gab.

HOLY CITY ist Ihr erster Roman. Gibt es dafür Einflüsse?
(lacht) Das fragen Sie jemand, der seit seiner Kindheit Bücher liest und jetzt Literatur lehrt? Das Krimi-Magazin »CrimeReads« wollte es auch wissen, ich habe ihnen neun Romane genannt, sie sind natürlich nur stellvertretend: »Lord Jim« (1899) von  Joseph Conrad, »Meine Antonia« (1918) von Willa Cather, »Die Freistatt« (1931) von William Faulkner, »Der Stille Amerikaner« (1955) von Graham Greene, »True Grit« (1968) von Charles Portis , »Draußen im Dunkel« (1968) von Cormac McCarthy, »Rache« (1979) aus »Legends of the Fall« von Jim Harrison, »Der Sympathisant« (2015) von Viet Thanh Nguyen und »Bearskin« (2018) von James A. McLaughlin. Prägende Einflüsse waren aber sicher auch all die Geschichtenerzähler in meiner Familie. Als Südstaatler habe ich die Bedeutung von Geschichten besonders verinnerlicht. Geschichten sind wichtig. Viele meiner Vorfahren habe ich nicht nur als Namen oder Fakten, sondern als Charaktere wahrgenommen. Ich verdanke es einer bunten Mischung aus Cousins und Tanten, dass ich unzählige Geschichten erzählen könnte. Das sind Berge von Material.

Gibt es von dort besondere Vorbilder für Ihren Roman?
Nein, das kann man nicht so direkt sagen. Sicher greife ich bei der Gestaltung von Charakteren und Schauplätzen auf einen breiten Erfahrungsschatz zurück, habe aber keine einzige Figur bewusst an jemandem aus meinem Bekanntenkreis angelehnt. In Will stecken sicher Teile von mir. Ich habe zum Beispiel für eine Gebäude-Isolationsfirma in Richmond gearbeitet und ich bin auch ein Amateurfotograf wie er.

Das klingt jetzt ein wenig harmlos. HOLY CITY ist aber viel tiefer. Um nicht zu sagen: abgründiger…
Der Schreibprozess wird für mich dann interessant, wenn die Charaktere anfangen, mich zu überraschen. Wenn ich denke: »Ah, das bist du also.« Dann erst beginne ich, mich in die Geschichte hineinzuversetzen. Will hat mich überrascht. Wie jede Figur im Buch. Ich schreibe viele Szenen, um meine Figuren kennenzulernen. Viele Seiten schaffen es nicht in das Buch, sind aber doch notwendig. Ich schreibe, um mich selbst zu überraschen. Das ist ein organischer Prozess, und er hat auch bestimmt, dass ich es nicht bei einer Erzählperspektive belassen wollte. Ich musste in jeder Figur etwas finden, das sie menschlich macht, selbst im verabscheuungswürdigsten Abgrund oder in der größten Qual. Gibt es einen Hoffnungsschimmer in dieser Person? Gibt es etwas in ihr, wofür ich mitfiebern kann? Die Komplexität jedes Einzelnen zu beschreiben, das war für mich der spannendste Teil. Dadurch nahmen sie eine dreidimensionale Gestalt an, und ich hatte das Gefühl, mit ihnen in diesem fiktiven Land – Euphoria Country – ausgesetzt zu sein und sie dort alle kennenzulernen. Will ist unsere Hauptfigur, aber er ist nicht der einzig Interessante in meinem Roman.

Will Seems kehrt nach zehn Jahren in Richmond in eine Gegend zurück, Zitat: »die er in jedem dieser zehn Jahre ›Heimat‹ genannt hatte, und die, wie er jetzt erkannte, von einer Schar der Verlorenen und Versprengten bevölkert wurde«. Er sucht etwas, was es nicht mehr gibt. Was ist das?
Will sucht etwas Unmögliches. Nicht nur Thomas Wolfe weiß doch, dass man nie wieder dorthin zurückkehren kann, wo man hergekommen ist. So ist das mit der Rückkehr. Wir alle kommen von wo her, aber gehören wir dort noch dazu? Vor allem, wenn wir weggegangen sind? Wir erfahren auch recht früh, dass Will von seiner Vergangenheit getrieben wird. Von einer Schuld. Der stellt er sich letztlich. Und das ist wahrer Mut.