Leseprobe
©Christoph Kretschmer/Adobe Stock

Der Feuertraum zerrieb ihn.
Er saß steif da wie eine tote Katze, tastete nach dem Griff der Pistole unter dem Sitz, atmete auf. Die Nacht kehrte zurück, eine von vielen, in denen er endlos unterwegs war und dem zornigen Wort Gottes im dünnen statischen Knistern lauschte, einer zugleich strengen und nahen Stimme, die mit schneidender Gewissheit direkt zu ihm zu sprechen schien. Er hörte zu, denn es gab nichts anderes – keinen anderen Radiosender – hier draußen zwischen den Weilern oder Dörfern oder Straßenkreuzungen, die früher vielleicht einmal Städte gewesen waren, dazwischen nichts als hügeliges Land im Streben nach irgendeiner Art Gleichgewicht, ein Puls, nur spürbar, wenn man die Weiten durchfuhr, der überraschte, denn ansonsten fühlte sich die Landschaft tot an. Von der weichen, grünen, dschungelartigen Vegetation, die einen großen Teil von Virginia bedeckte, war nichts zu sehen, hier war das Land hart, rau, dornig. Die einsamen Straßen wanden sich wie Schlangen durch dichte Wälder oder weite Felder oder gerodete Brachen, in denen der Boden so nackt und bizarr aussah wie ein gehäuteter Bär. Er fuhr an verblichenen Häusern vorbei, von Kudzu oder von Liguster und Efeu überwuchert, blätternde Farbe, und aus der holzvertäfelten Dunkelheit erklang die dunkle, väterliche, vertraute Stimme, freundschaftlich und nach Gewalt und Arglist klingend, die Stimme glatt rasiert, streng, schneidend und erwartungsvoll, irgendein lokaler Prediger in einem Landstrich voller verwirrender Verbrechen.
Will Seems war nach zehn Jahren in Richmond – genannt »Holy City« – in eine Gegend zurückgekehrt, die er in jedem dieser zehn Jahre »Heimat« genannt hatte, und die, wie er jetzt erkannte, von einer Schar der Verlorenen und Versprengten bevölkert wurde. Letztes Jahr hatte ein Mann seiner Frau die Kehle mit einem Klappmesser durchgeschnitten und sich dann mit einer Walther PPK erschossen, aber in beiden Fällen versagt. Der Frau war es gelungen, die Blutung an ihrem Hals mit einem Kissen zu stoppen und den Notruf zu wählen, und als der Mann im Krankenhaus wieder zu sich kam, fehlte ihm der Großteil seines Kiefers, dafür trug er Handschellen. In Halifax County hatte dann vor einigen Monaten jemand, der wegen eines kaputten Rücklichts angehalten worden war, den Polizisten erschossen und war einfach weitergefahren. Noch immer fehlte jede Spur. Aber die seltsamste Begebenheit von allen lag noch nicht lange zurück. In der Stadt hatte es Beschwerden über einen aus einem Haus wabernden Geruch gegeben. Die alleinstehende Bewohnerin mittleren Alters hatte ihre tote Mutter – an natürlichen Ursachen verschieden – seit über zwei Monaten in dicke Decken gewickelt im Haus aufbewahrt. Will dachte an die Durchsuchung, die sie durchgeführt hatten, auch die Masken hatten den Gestank nicht mildern können, und an die hundertsechzehn Lufterfrischer, die sie auf den Decken verteilt gezählt hatten. Der Sheriff war froh gewesen, Troy St. Pierre, dem Gerichtsmediziner, den Leichnam übergeben zu können, doch er und Will mussten sich um die Tochter der Verstorbenen kümmern. Die Frau hatte keine Erklärung dafür, warum sie den Tod der Mutter nicht gemeldet hatte, was der einzige Grund für ihre Verhaftung war. Will sah ihr eine traurige und kindliche Verzweiflung an, die nicht selten war; er kannte sie aus vielen Gesichtern in dieser Gegend, eine faltenzerfurchte, benebelte Hoffnungslosigkeit. Will vermutete, dass die Frau solche Angst davor hatte, in dieser Welt allein zu sein, dass sie die Gesellschaft der Toten vorgezogen hatte.
Will stieg aus seinem Truck, streckte sich und stellte sich an einen Baum. Beim Pinkeln blickte er auf die glatte Oberfläche des Flusses hinab, der Traum nagte an ihm, im Mund schmeckte er Rauch. So konnte es nicht weitergehen, dass er jede Nacht durch die Gegend fuhr, bis er müde wurde, am Fluss schlief und früh wieder losfuhr, bevor die Angler mit ihren Eimern und Ruten kamen. Er hatte gestern Abend zu viel geraucht, schmeckte die Watte im Mund, erinnerte sich an das Verlangen nach einer Vanille-Cola, wie man sie im Waffelladen oben in Petersburg bekam. Er ging zum Pick-up und trank einen Schluck Kaffee aus dem offenen Styropor-Becher, den er sich gestern Abend an einem Get ’N’ Go geholt hatte, eine abgestandene Version dessen, was am Morgen frisch gebrüht worden war, jetzt vierundzwanzig Stunden alt, Stunden, in denen anscheinend nichts passiert war, außer dass alles und jeder sich genau so weit weiterbewegt und geatmet hatte.
Er schüttete den Rest auf den Boden und drehte sich um. Hinter der schlichten weißen Baptistenkirche stieg eine schwarze Rauchsäule auf, etwa dort, wo das Haus der Hathoms stand oder dahinter das von Tom Janders. Er nahm das Handy aus dem Becherhalter und machte Meldung. »Deputy Seems hier, ich melde ein Feuer in Turkey Creek.« Er bog auf die Straße ab. »Bei Tom Janders brennt es.«
»Verstanden«, sagte Tania. Sie arbeitete länger im Sheriff’s Department als Will und hatte noch nie einen Tag im Außendienst erlebt. »Die Feuerwehr ist auf dem Weg. Warte, bis die da sind, hörst du?«
Will klappte das Handy zu.
Toms Truck stand auf dem Hof, der Traktor neben dem Schuppen, es roch nach brennendem altem Holz und Farbe. Will bog auf dem Schotterweg scharf ab und zog einen Fallschirm aus Staub hinter sich auf den Hof. Die ganze Seite des Hauses, das einst Toms Mutter gehört hatte (Will sah es immer noch als ihrs), stand in Flammen und fraß sich wie Schimmel an einer Frucht nach innen.
Will steckte das Handy in die Tasche. Die rechte Haushälfte brannte bereits lichterloh, aber die Haustür war noch unversehrt.
»Tom!« Will spürte die Hitze auf den Wangen prickeln. »Day! Tom!«
Noch keine Sirenen zu hören. Die Feuerwehr würde mindestens fünfundzwanzig Minuten brauchen, und das mit Glück. Er atmete tief durch und trat die Haustür ein. Heißer schwarzer Rauch rollte ihm entgegen und versengte ihm das Gesicht. Er bückte sich und tastete sich voran, hörte nichts als das Feuer, lodernde Flammen über ihm. Neben ihm fielen Stücke der Zimmerdecke herunter. Er kroch auf dem Küchenboden vorwärts, dessen Linoleum sich wie altes Papier nach oben bog, bis er gegen etwas stieß. Ein Stiefel mit Stahlkappe, die ihm die Finger verbrannte. Er fand den anderen Fuß und zog an beiden, schaffte es zur Seitentür, Tom, wie er vermutete, hinter sich herschleifend. Seine Augen tränten, bei jedem Atemzug hustete er, dann kniete er im Staub des Hofes, versuchte, sich aufzurichten und zu atmen, Ruß verklebte ihm die Nase. Tränen und Rauch, Tränen und Rauch. Schließlich rannte er zur Tür zurück, zog den Körper ins Freie und ohne Rücksicht die Treppe hinunter in den Hof, ließ sich ins Gras fallen und hustete.