Literatur ist heute unverzichtbarer denn je
Matías Néspolo im Gespräch mit Peter Henning

Der argentinische Schriftsteller Matías Néspolo über literarische Vorbilder, filmisches Schreiben – und seine Sorge um Lateinamerika seit Donald Trumps Völkerrechts-widriger Intervention in Venezuela.
Krimis aus Lateinamerika, die sich mit Gewalt in armen Stadtvierteln befassen, sind nichts Neues. Was hat Sie dazu bewogen, dieses Thema in ihrem Roman anzugehen? Gibt es autobiografische Bezüge?
Ich würde eher sagen, dass das Thema – das zugegebenermaßen sehr verbreitet ist – mich gefunden hat und nicht umgekehrt. Ich habe einfach den ersten Satz des Romans geschrieben, ohne eine klare Vorstellung davon zu haben, was ich da tat – ich dachte, es handele sich um eine einfache Schreibübung oder vielleicht um eine Kurzgeschichte –, und der Roman begann sich fast von selbst zu entwickeln. Und ich glaube, dass autobiografische Bezüge, auch wenn sie sehr subtil und unbeabsichtigt sind, in allem, was man schreibt, unvermeidlich sind.
Können Sie das ein wenig mit Blick auf sich selbst präzisieren?
Nun, ich komme nicht gerade aus einem Armenviertel (in Brasilien nennt man sie Favelas und in Argentinien Villas Miseria), sondern aus einem Mittelklasse- oder unteren Mittelklassehaushalt, und deshalb konnte ich glücklicherweise zur Universität gehen. Aber all das war da, ganz in der Nähe meines Zuhauses. Viele meiner Freunde aus meiner Jugend kamen von dort. Vielleicht habe ich mit diesem Roman nur eine Gedankenspielerei gemacht: Was wäre passiert, wenn ich ein paar Häuser weiter aufgewachsen wäre… Ich nehme auch an, dass soziale oder politische Gewalt – wie es bei meinem zweiten Roman der Fall war – kein Thema ist, das viele lateinamerikanische Schriftsteller bewusst suchen, sondern dass es sich uns aufgrund seines Eigengewichts einfach aufdrängt.
Ihr Roman ist in einem sehr filmischen Stil geschrieben. Wie ist Ihr Verhältnis zum Film?
Ich gebe zu, dass mein Stil sehr filmisch ist, aber das stört mich nicht. Im Gegenteil, ich mag es, ich fühle mich wohl dabei. Vielleicht sollte ich anfangen, mich aus dieser Komfortzone zu befreien, denn es ist sehr traurig, sich immer wieder zu wiederholen. Es ist einfach so, dass mir Dialoge sehr leicht fallen, ich höre den Figuren einfach zu und schreibe wie ein Stenograf auf, was sie sagen. Ich neige dazu, mich nicht übermäßig mit Überlegungen, Beschreibungen der Schauplätze oder der Innenwelt der Figuren aufzuhalten, sondern konzentriere mich auf die Handlung, die sich gerade abspielt. Und ich stelle mir die Szenen meiner Romane und Erzählungen nicht vor oder erfinde sie, sondern sehe sie einfach in meinem Kopf wie auf einer Kinoleinwand.
Ihr Roman erinnert an die Filme des mexikanischen Regisseurs Alejandro Inarritu. Sehen Sie Parallelen zu seinem Werk?
Ich mag Iñárritu sehr und noch mehr mag ich den Drehbuchautor seiner besten Filme, Guillermo Arriaga, den ich für einen außergewöhnlichen Romanautor halte. Vielleicht hat mich dieses kreative Duo unbewusst beeinflusst. Aber ich glaube, dass mich eine Reihe von Filmemachern aus meinem Land aus den 90er Jahren wie Pablo Trapero, Adrián Caetano, Bruno Stagnaro, Lucrecia Martel viel stärker direkt beeinflusst haben… Sie alle wurden unter dem Begriff Nuevo Cine Independiente Argentino (Neues unabhängiges argentinisches Kino) zusammengefasst, und es stimmt, dass sie Filme mit sehr ausgeprägten gemeinsamen Merkmalen drehten. Sie teilten ein wenig die Prämissen der Dänen von Dogma 95, vielleicht ohne es zu beabsichtigen.
Woher beziehen Sie Ihre stärksten literarischen Einflüsse? Hatten Sie beim Schreiben Vorbilder?
Die Angst vor Einflüssen, wie Harold Bloom sagen würde, ist ein sehr lustiges Thema, denn es ist eine Sache, Autoren zu mögen, zu bewundern und sogar zu versuchen, sie zu kopieren und von ihnen zu lernen, und eine ganz andere Sache ist es, was dein Schreiben tatsächlich beeinflusst, ohne dass du es weißt. In meinem Fall würde ich sagen, dass ich Autoren wie César Vallejo, Juan Rulfo, Antonio Di Benedetto, Rodolfo Walsh und viele andere bewundere. Aber vielleicht haben mich unzählige Dinge beeinflusst, wie die tägliche Arbeit als Journalist, das Kino, das ich erwähnt habe, das Leben fern meiner Heimat und wer weiß, was noch alles…
Und mit Blick auf ihren Roman ganz konkret?
Im Fall meines Romans, der ursprünglich 2009 veröffentlicht wurde, war ich sehr unsicher und habe mir ein Vorbild gesucht: Es war mein literarischer Einstieg, und deshalb habe ich mir vorgenommen, einen Bildungsroman wie »El juguete rabioso« von Roberto Arlt zu schreiben.
Verbinden Sie mit Ihren Romanen eine Botschaft, und wenn ja, welche?
Ich würde es niemals wagen, eine Botschaft oder Interpretation meiner Geschichten vorzuschlagen, denn das ist das ausschließliche Recht und Privileg jedes einzelnen Lesers. Unter anderem auch deshalb, weil nicht einmal ich weiß, welche Botschaft sie enthalten oder was sie erzählen wollen. Erst die Geschichte selbst offenbart mir viel später die verborgene Bedeutung dessen, was ich geschrieben habe.
Welche Rolle spielt der Kriminalroman im Gegensatz zur sogenannten normalen Erzählkunst für Sie?
Ich sehe keinen klaren Gegensatz oder Konflikt zwischen beiden. Es ist auch nicht so, dass mich Kriminalromane besonders interessieren. Ich würde eher sagen, dass ich das Genre ohne Vorbehalte als Ausgangspunkt oder ersten Entwurf nutze, um die Geschichte weiterzuentwickeln und zu entdecken, was sie mir bringt. Ein bisschen so wie Ricardo Piglia: die provokative Nutzung der Kriminalfiktion für andere Zwecke.
Sehen Sie sich selbst in einer bestimmten Erzähltradition? Eher in der von Julio Cortazar oder in der von Roberto Arlt?
Ich habe viel von beiden gelesen und mag sie beide sehr. Das ist eine etwas schwierige Frage, denn es gibt nicht zwei argentinische Erzähltraditionen, sondern mindestens drei – um nicht zu sagen viele. Das berühmte ABC der argentinischen Literatur ist Arlt, Borges und Cortázar. Manche bringen diese Triade zeitlich näher und sagen: Ricardo Piglia, Juan José Saer und César Aira. Wie auch immer, und obwohl ich nicht viel von nationalen Literaturen halte, scheint es mir schon ein Geschenk zu sein, mit all diesen Giganten den gleichen Geburtsort zu teilen.
Was kann Literatur neben dem dominierenden Genre Film leisten?
Heute konkurriert die Literatur nicht mehr nur mit dem Kino, wie es im 20. Jahrhundert in gewisser Weise der Fall war – tatsächlich konkurrierten beide Medien weniger miteinander, sondern arbeiteten vielmehr zusammen und bereicherten sich gegenseitig –, sondern sie steht der gesamten Bildschirmkultur gegenüber.
Die Literatur hat gesellschaftlich viel von ihrer Bedeutung verloren. Sehen Sie das ähnlich?
Nein. Ich glaube, dass Literatur heute mehr denn je unverzichtbar und dringend notwendig ist und einen großen Beitrag leisten kann, denn das Zeitalter der Bildschirme, in dem wir leben, hat nur zwei Dimensionen, es ist flach oder oberflächlich. Und das ändert sich leider auch nicht mit Virtual-Reality-Brillen oder künstlicher Intelligenz, im Gegenteil. Angesichts all dessen bietet uns die Literatur eine dritte Dimension – um nicht zu sagen eine vierte oder unendlich viele –, denn Literatur ist Tiefe. Eine Sonde, die in die Abgründe des Ozeans unseres Unbewussten eintaucht.
Kriminalromane sind oft ein Seismograph für gesellschaftliche Veränderungen. Sehen Sie das auch so?
Es stimmt, Kriminalromane sind oft ein guter Seismograph für Konflikte und sozialen Wandel, da stimme ich zu. Vielleicht ist das einer ihrer Hauptanziehungspunkte, zusammen mit ihrer unglaublichen Flexibilität und Fähigkeit zur Hybridisierung oder Vermischung, was meiner Meinung nach ein weiteres Merkmal ist, das mich besonders reizt.
Wie bedeutend ist die aktuelle Situation in Argentinien im gesamtgesellschaftlichen Bild?
Ich habe den unangenehmen Verdacht, dass Argentinien heute eine Art Labor für die zukünftige Weltordnung ist, so wie es Chile 1973 war. Nach dem Militärputsch, der Salvador Allende stürzte, setzten die Ökonomen der Chicagoer Schule dort ihr Modell durch, auf Kosten brutaler Unterdrückung, Tausender Verschwundener und der Verarmung der Bevölkerung. All dies ermöglichte Jahre später den Aufstieg von Reagan, Thatcher und dem Neoliberalismus. Ich frage mich, ob das grausame und wahnwitzige Modell von Milei – der sich als Anhänger der Österreichischen Schule bezeichnet – heute in Argentinien nicht vielleicht etwas viel Schlimmeres und Unbarmherzigeres ankündigt, das sich in naher Zukunft weltweit durchsetzen wird und das manche bereits als Anarchokapitalismus bezeichnen.
Und welche Rolle sehen Sie dabei für sich selbst?
Ich verfolge all das aus der Ferne mit großer Sorge und Unruhe. Und meine Rolle ist, wie die jedes Bürgers auf beiden Seiten des Atlantiks, die eines einfachen passiven Zuschauers oder eines indirekten Opfers. Vielleicht ist das derzeit das große globale Problem: unsere Passivität.
In welcher Beziehung stehen Sie zu klassischem Hardboiled-Kriminalromanen à la Chandler oder Hammett?
Ich mag klassische Hardboiled-Krimis, insbesondere Chandler und Hammett, aber ich würde nie auf die Idee kommen, mich an diesem Genre zu versuchen. Eigentlich lese ich nur gelegentlich Krimis, weil ich mich sonst eher für andere Genres wie Lyrik, Essays und alle Arten von Erzählungen interessiere.Woran arbeiten Sie derzeit?
Ich arbeite an Kurzgeschichten, von denen ich hoffe, dass sie mich ans Ziel bringen.
Die Trump-Regierung hat gerade den Präsidenten von Venezuela entführt – macht Ihnen das Angst? Wie aufmerksam verfolgen Sie die politischen Entwicklungen in Lateinamerika insgesamt?
Diese Situation beunruhigt und besorgt mich sehr. Ich kann es immer noch nicht glauben. Ich habe den Eindruck, dass wir nicht in der Lage sind, die historische Bedeutung dieses wirklich schwerwiegenden Ereignisses zu würdigen, und stattdessen bleibt uns nur das Bild von Maduro in Ketten in den sozialen Netzwerken. Früher stürzte die USA Regierungen und setzte Marionettenregime in Lateinamerika durch verdeckte Operationen der CIA ein, ohne jemals ihre wahren wirtschaftlichen und imperialistischen Interessen offenzulegen. Jetzt, unter der Trump-Regierung, geschieht dies vor laufenden Kameras, und es wird ganz offen zugegeben, dass das Ziel das Öl ist. Damit wird das Völkerrecht mit Füßen getreten und das Recht des Stärkeren durchgesetzt. Was kommt als Nächstes? Grönland? Kuba? Kolumbien? Die internationale Gemeinschaft wagt es nicht, sich der militärischen Supermacht entgegenzustellen, und das Schicksal ganz Lateinamerikas hängt am seidenen Faden …
