zwei Arten

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»Es gibt sieben Arten, eine Katze zu töten«, sagt der Chueco, streichelt das Tier, das ihm der Quique, der Sohn von Ernestina, gebracht hat, und zwinkert mir durchtrieben zu.
Er hält die Katze mit dem linken Unterarm auf dem Schoß fest. Mit der rechten Hand streicht er ihr über Rücken und Kopf. Beugt sich ein bisschen vor, als wollte er sie schützen, und richtet sich dann ganz plötzlich auf und dreht das Gesicht weg, falls sie kratzt. Ich hör ein Geräusch, als würde ein trockener Zweig zerbrechen, dann hält der Chueco die zuckende Katze am Nackenfell hoch. Der Kopf hängt zur Seite, die Beine sind starr. Sie bewegt sich schon nicht mehr.
»Aber in der Stunde der Wahrheit gibt es nur zwei«, beendet er den Satz, als würde er eine Unterrichtsstunde geben: »Nett und freundlich oder auf die harte Tour.«
»Und das war auf die harte Tour?«, frag ich, um ihn zu ärgern.
»Nein, Alter, das war nett. Das Miezekätzchen leidet nicht, weil …« Der Satz bleibt in der Schwebe, weil der Chueco plötzlich loslacht. Dabei verzerrt sich sein Gesicht; er sieht aus wie eine alte Frau, der was wehtut. Ich muss auch lachen, aber ich denk an die Katze. Nur ein bisschen. Genug, um mir einzureden, dass es keine Katze mehr ist, sondern ne vernünftige Mahlzeit. Seit einer Woche hatte ich kein Fleisch mehr zwischen den Zähnen. Genau wie er wahrscheinlich, hab ich keinen Bock mehr auf Maisbrei, auf den Reis mit Käfern, den wir vom Großhändler in Zavaleta umsonst kriegen, und auf die Pflaumen, die wir dem Portugiesen Oliveira klauen.
Der Chueco hängt die Katze kopfüber ans Vordach, nimmt das Messer und hackt ihr mit einem einzigen energischen Hieb den Kopf ab. Mit dem Fuß schiebt er eine Dose drunter, um das Blut aufzufangen.
»Sag nicht, dass du Blutwurst machen willst«, stoß ich hervor.
»Wie siehts denn aus?«, gibt er zurück.
Ich weiß nicht, ob er mich verarschen will oder ernsthaft überlegt, das Blut zu benutzen, aber ich frag nicht nach. Seh einfach zu und lass ihn machen.
Mit einem einzigen Schnitt schlitzt er das Tier auf und nimmt es aus. Die Eingeweide landen auch in der Dose. Er ist so schnell und geschickt, es sieht richtig professionell aus.
»Jetzt kommt der schwierige Teil«, sagt er, kneift ein Auge halb zusammen und zeigt mit der Messerspitze auf mich.
Er kappt den Schwanz und schneidet am ersten Gelenk der Vorderbeine das Fell ein.
»Ist wie Kabel schälen«, erklärt er, »nur hat das Kabel Haare und ist dicker als ein Finger vom Dicken Farías.«
»Der Dicke Farías, Mann! Der hat nie Hunger … Lass den ausnehmen, Chueco!« Ich sags als Witz, aber der Chueco sieht mich ernst und mit funkelnden Augen an.
»Den schlachten wir wie ein Sparschwein! Und knöpfen ihm die ganze Kohle ab, auf der das Arschloch sitzt …«
»Welche Kohle, Mann? Der Dicke hat keinen müden Peso, der ist genauso am Ende wie alle andern. Hast du nicht gesehen, was der für Beef mit seinen Lieferanten hat? Wenn der so weitermacht, bringen die ihm nicht mal mehr Bier in den Laden.«
In Wirklichkeit geht mir die finanzielle Lage vom Dicken Farías am Arsch vorbei. Außerdem verwette ich meinen Kopf, dass es ihm so schlecht nicht gehen kann. Im Viertel sind alle abgebrannt, aber für ein Bier oder ein Gläschen Wein kratzen sie immer noch was zusammen. Die Kneipe vom Dicken ist immer voll, und soweit ich weiß, lässt er nicht anschreiben. Trotzdem heul ich dem Chueco was vor, wie scheiße es dem geht, denn die Idee, die ich ihm grade in den Kopf gesetzt hab, macht mir Angst.
»Der hat Beef, weil er ein Geizkragen ist und Gott und die Heilige Jungfrau bescheißt. Ich sags dir, der Dicke hat Kohle gebunkert, Gringo, und zwar richtig viel.«
Ja, auf der Bank, will ich grade antworten, aber ich beiß mir auf die Zunge. Weils Schwachsinn ist. Seit im September der Peso eingebrochen ist, bringt keiner mehr seine Kohle auf die Bank. Wer viel hat, schafft es direkt außer Landes. Was auf den Dicken Farías nicht zutrifft. Wer dagegen nur ein bisschen Patte hat, aber nicht richtig viel, stopft sich die einfach unter die Matratze. Während ich diese Überlegungen anstell, schneidet der Chueco das Fell der Hinterbeine auf der Innenseite ein. Pellt sie wie ne Salami. Dann packt er die beiden Fellstücke und zieht sie kräftig nach unten. Die Haut stülpt sich um wie ein Strumpf. Bleibt wie ein Puppenmantel mit dem Pelz nach innen an den Vorderpfoten des Tiers hängen. Die schneidet der Chueco ab, und sie bleiben in den Ärmeln stecken.
»Tadaa, hoffe, du hast aufgepasst, Gringo, das nächste Mal bist du dran«, sagt er und wirft das Fell nach mir.
Ohne ein Wort weich ich aus. Es fällt ein Stück hinter mir auf den Boden. Als ich mich umdreh, seh ich, dass der Sohn von der Ernestina leise nähergekommen ist. Er stupst mit einem Stock gegen das Fell, ein blutiger, mit Erde verklebter Klumpen.
»Musst du waschen und in die Sonne legen. Ist ne Jacke. Die kannst du deiner Schwester für ihre Puppen mitbringen«, sag ich zu ihm.
Der Quique glotzt mich mit offenem Mund an. Entweder er versteht mich nicht, oder er tut nur so. Er hebt das Fell mit beiden Händen auf und schüttelt es. Als er die Form kapiert, lacht er leise. Genau wie als er noch klein war und über jeden Quatsch gelacht hat. Jetzt reicht er mir bis an die Schultern. Trotzdem seh ich immer noch dasselbe Kindergesicht.
Der Chueco beachtet uns nicht. Mit der Messerspitze löst er die Lunge aus und wirft sie in die Dose. Dann geht er in die Hütte. Kommt mit einem Lappen zurück. Wischt sich die Hände ab und säubert die Messerklinge. Er zündet sich eine Zigarette an und wirft mir einen fragenden Blick zu. Zieht die Augenbrauen hoch, wiegt den Kopf.
Ich steck mir auch eine Kippe an und betrachte die aufgehängte Katze. So nackt sieht sie wie ein Kaninchen aus. Oder eher ein Hase. Erinnert mich dran, wie die Großmutter Mamina, als ich noch klein war, die Hasen gekocht hat, die Cousin Toni ihr immer brachte, bevor er die Flinte verkauft hat, und ich kann mich nicht zurückhalten:
»Und wenn wir die in Wein und Essig schmoren, Chueco?«
»Vergiss es. Viel zu viel Arbeit. Wir hauen sie auf den Grill und weg damit.«
»Ganz wie Sie meinen, Partner.«
»Auf den Grill«, wiederholt er fest. Er spielt gern den Kapitän.
Und ich lass ihn.
»Dann mach ich wohl mal Feuer.«
»Ja, los. Und du, Junge, was willst du noch?«, fragt er den Quique, der dasteht und sich die Sache ansieht.
»Meine Ma lässt fragen, ob ihr nicht eine Kleinigkeit für Sultan habt, weil der immer so jault«, sagt er; mir zwinkert er zu und hält sich für wer weiß wie cool.
»Aber sicher doch, für das Wauwauchen von Madame …«, sagt der Chueco mit flötender Stimme. Ich weiß nicht warum, aber er kann Ernestina nicht ausstehen.
»Hier, Kleiner«, sagt er und hält ihm die Dose mit den Innereien hin.
Der Quique schleicht sich mit der Dose und dem Fell. Die Sneaker klatschen ihm beim Gehen an die Fußsohlen. Er hat keine Schnürsenkel und sie sind ihm ein bisschen zu groß.