Auch unangenehme Wahrheiten sind unterhaltsam
Ein Nachwort von Lore Kleinert

Und wieder keine roten Holzhäuschen, keine Mittsommernacht-Orgien mit mörderischen Folgen – Malin Thunberg Schunke, deren erster Roman im Polar Verlag um die Frage kreiste, wie es um den Rechtsstaat in der EU stehe, ist nach wie vor fasziniert von der Internationalisierung des nationalen Strafrechts, und das ist ein Gewinn für Leserinnen und Leser! Der Schauplatz, an dem die Aktivitäten zusammenkommen, ist Den Haag, dorthin werden Staatsanwälte und Richter aus den nationalen Justizbehörden entsandt, Eurojust agiert parallel zu Europol. Diese Polizeibehörde hatte Thunbergs Landsmann Arne Dahl im Blick, als er seine hochkomplexen
Stockholm-Krimis um die »A-Gruppe« auf die europäische Ebene ausweitete. Von Shanghai, Houston und New York verlagerten sich die Schauplätze des ultimativen Kampfes zum Showdown zurück ins alte Europa, in die Basilikata, das Reich der Ndrangheta, ins Herz der Finsternis: »Raubtierkapitalismus, der vor nichts zurückschreckt, um an noch mehr Geld zu kommen … Solange der Raubtierkapitalismus in der Gesellschaft akzeptiert wird, nähern wir uns immer mehr einer von der Mafia gesteuerten Welt an.« (Arne Dahl, »Hass«. Thriller, Piper 2015)
Wer sich mit Finanzkrisen, Drogenmarkt und Waffenhandel nicht nur beim Lesen von Thrillern beschäftigt, weiß, dass man gegen diese Erkenntnisse in ihrer Allgemeinheit wenig einwenden kann, und auch dem frommen Wunsch von Dahls Ermittler Paul Helm, wie schön ein europäisches »Wir« wäre, »ein Wir ohne Wir-gegen-sie«, könnte man sich mühelos anschließen. Doch Dahls Grundkonstellation der zehn guten Menschen von Opcop, in Stellung gebracht in Den Haag, paarweise ausgeflogen in die böse Welt, wiedergekehrt und unterstützt von drei Polizisten in Stockholm und vier weiteren, misslang, weil sein pädagogischer Anspruch auf Welterklärung den Thrill hier schließlich endgültig aushebelte und den Autoren Dahl nach dem Ausflug in die globalisierte Welt reumütig nach Stockholm zurückkehren ließ. Malin Thunberg Schunke macht diesen Fehler nicht, sie hat von Dahl, als Krimiautor auch eines ihrer Vorbilder, nur das Richtige gelernt.
Was einen guten Autor, eine glänzende Autorin antreiben sollte, fasste Robert Walser 1907 (Vom Wesen des Schriftstellers) zusammen, und auf die schwedisch-deutsche Autorin trifft es zu:
»Der Schriftsteller, wie er sein soll, ist ein Auflauerer, ein Jäger, ein Pirscher, ein Sucher und Finder, … er lauert den Ereignissen auf, jagt den Sonderbarkeiten der Welt nach, … immer auf dem Sprung, immer zur Überrumpelung bereit …«
Die Besonderheit und auch die Sonderbarkeiten europäischer Rechtsstaaten stoßen in Thunbergs Romanen auf massive Verstöße gegen Mitmenschlichkeit und Gerechtigkeit. »Whose Responsibility« hieß ihr juristisches Fachbuch, das den Romanen 2013 vorausging. Als Autorin von Thrillern nutzt sie die Spannung, um die Herausforderung einer gemeinsamen Verantwortung für die »neue zerbrechliche Einheit der Menschheit« (Hannah Arendt) im Einzelnen zu überprüfen. Im ersten Roman EIN HÖHERES ZIEL (Polar Verlag 2025) spielte die dominante Position der Untersuchungsrichter, eine Besonderheit im französischen Rechtssystem, eine wichtige Rolle, als es darum ging, einen Unschuldigen aus willkürlich verhängter Gefangenschaft zu befreien. Nachdem dieser Roman veröffentlicht worden war, eröffneten sich für die Autorin neue Möglichkeiten:
»Eurojust ist eine Behörde, die relativ unbekannt in der Öffentlichkeit ist und sie waren dort sehr begeistert, endlich in den Blickpunkt treten zu können. Der Kontakt ist nach dem Besuch immer enger geworden und hat viel für meine Serie bedeutet. Vor allem habe ich einen wertvollen Einblick hinter die Kulissen bekommen, um realistisch und glaubwürdig darstellen zu können, wie es in der Praxis bei Eurojust wirklich zugeht. (Interview mit M. T. Sch.)
Diesmal ist Italien der Schauplatz, der Bezug zur Mafia liegt nahe, und in den Fokus des Romans rückt die fatale Verknüpfung von Menschenhandel, dem Einsatz illegaler Pestizide und der Verklappung von Giftmüll. Ein internationales Untersuchungsteam wieder unter der Leitung von der Italienerin Fabia Moretti und mit Esther Edh aus Schweden, Staatsanwältinnen bei Eurojust, übernimmt in Zusammenarbeit mit der Polizei die Aufklärung, als junge Saisonarbeiter aus Osteuropa in Süditalien verschwinden.
Ich glaube, dass das Hauptproblem ist, dass die Arbeiter, die ausgebeutet werden, vollkommen schutzlos und ausgeliefert sind. Sie sind Opfer, aber haben trotzdem kein Interesse auszusagen. Sie kommen aus armen Ländern und verstehen oft nicht die Sprache. Ohne die schlecht bezahlte und menschenunwürdige Arbeit auf den Gemüsefeldern verhungern sie. Außerdem riskieren sie, ausgewiesen zu werden, wenn sie zur Polizei gehen. Die Camorra beherrscht hier große Teile des Business.
Malin Thunberg Schunke baut die verschiedenen Aktionen gegen diese Machenschaften wunderbar auf: sie werden durch die unterschiedlichen Blickwinkel des Ermittlerteams wie in einem Kaleidoskop immer wieder geschickt zu wechselnden Bildausschnitten zusammengefügt, die erst ganz am Ende ein Ganzes ergeben. Ein Ganzes mit vielen Brüchen: die Zukunft demokratischer Republiken in Europa erscheint angesichts der massiven und schwer fassbaren Verstöße gegen Recht und Gesetz trotz einiger Fortschritte in der Zusammenarbeit als bedroht. Organisierte Kriminalität und korrupte Geschäftemacher nutzen die technologische Entwicklung in ungeahntem Ausmaß und mit zunehmender Arroganz. Malin Thunberg Schunkes Recherchen belegen, dass die illegale Giftentsorgung seit einzelner Verurteilungen für Umweltverbrechen in den 90er Jahren, als Mafiosi und Unternehmer zu Rechenschaft gezogen wurden, weitergeht:
»In Schweden ist z. B. in dem letzten Jahr eines der größten Umweltverbrechen in der schwedischen Geschichte aufgedeckt worden. Die Müllfirma »Think Pink« hat mehr als 200 000 Tonnen giftigen Industriemüll an 21 verschiedenen Orten in Schweden vergraben. Mehrere Personen wurden angeklagt und sind in erster Instanz zu Gefängnisstrafen verurteilt worden. Der Fall ist sehr ähnlich zu dem Geschehen in dem italienischen Dreieck des Todes, da die vergrabenen Substanzen (unter anderem Schwermetalle) sehr krebserregend sind. Ein weiteres Beispiel ist ein Fall von Anfang 2025, in dem Europol zusammen mit nationaler Polizei eine kriminelle Organisation aufgedeckt hat, die 35 000 Tonnen Giftmüll aus Italien, Slowenien und Deutschland nach Kroatien transportiert und dort vergraben hat. Es gibt auch weitere Fälle, z. B. in Afrika und Asien.« (Interview mit M. T. Sch.)
Die vielen Schlupflöcher für international agierende Täter stehen im Kontrast zu den zahlreichen bürokratischen Hindernissen bei der Verfolgung schwerwiegender Verbrechen. So ist der Widerstand von Menschen und Interessengruppen gegen Gesetze, die gefährliche Chemikalien verbieten, nach wie vor groß. Trotz Berichten über gesundheitliche Probleme benutzen Landwirte illegale Pestizide auf den Gemüsefeldern rund um die Welt.
Thunberg gelingt es, die Lasten der Verantwortung auch in ihren Folgen für die einzelnen Frauen und Männer sehr plastisch werden zu lassen. Als die Spuren zu der einsamen Farm eines bekannten Mafia-Bosses führen und der charismatische Polizist Corrado Sanna die umstrittene Entscheidung trifft, einen Undercover-Agenten dorthin zu schicken, riskiert er dessen Leben. Auch der Junge, der einem unbekannten Gefangenen nachts Essen bringen muss, ist vor eine schwerwiegende Entscheidung gestellt. Spannungsaufbau und Charakterentwicklung sind bei allen Akteuren und Akteurinnen in Thunbergs Romanen genau und elegant aufeinander abgestimmt. Ihre beiden Staatsanwältinnen kommen aus unterschiedlichen Rechtssystemen und Kulturen Europas, und wie man in der Praxis ein Verbrechen ermittelt, betrachten sie durchaus unterschiedlich, was zum Lesevergnügen beiträgt:
»Esther ist z. B. sehr vorsichtig und gesetzestreu, während Fabia als alte Anti-Mafia-Staatsanwältin ein bisschen ›wild‹ improvisiert. Die beiden Frauen entwickeln aber mit der Zeit eine Freundschaft und lernen – auch außerhalb der Arbeit – viel voneinander.«
(Interview mit M. T. Sch.)
Auch unangenehme Wahrheiten sind unterhaltsam, wenn man sie so geschickt präsentiert wie diese Autorin. Mit dem Ende der Ermittlungen ist die Geschichte derer, die den Preis für Wohlleben und Gier der Reichen ebenso wie der ganz normalen Konsumenten bezahlen, noch lange nicht zu Ende. Hier wird sie einfühlsam, aktenreich und spannend erzählt und regt an, über Dinge nachzudenken, die in unserer Zeit vor unseren Augen vor sich gehen.
