Ein Schmelztiegel des Leids
Ein Nachwort von Marcus Müntefering
»Keiner kommt hier lebend raus«
Jim Morrison / The Doors

Wer weiß, wie das Leben der Schwestern Risa und Giulia verlaufen wäre, wenn Risa in der Highschool nicht Susan E. Hintons Roman »Die Outsider« gelesen hätte. Wenn sie nicht so fasziniert gewesen wäre von dem Greaser Johnny, der in der 1983er-Verfilmung von Francis Ford Coppola von Ralph Macchio gespielt wurde, der mit den »Karate Kid«-Filmen zum Teenieschwarm der Achtziger wurde. Wenn sie der wild boy Sav, den sie am Strand von Coney Island kennenlernt, nicht so sehr an Johnny erinnert hätte. Vielleicht wäre all das Tragische und Schreckliche nicht passiert, was in William Boyles Roman eben passiert: Sie hätte Sav nicht geheiratet, hätte ihn nicht in Notwehr umgebracht und sein Verschwinden vorgetäuscht, eine Tat, deren Folgen die Schwestern ihr ganzes Leben lang nicht entkommen werden und die schließlich auch Risas Sohn Fabrizio zum Verhängnis wird.
Über einen Zeitraum von 18 Jahren entspinnt sich Boyles neuer, sechster Roman »Saint of the Narrows Street«, und er ist eine Rückkehr in vertrautes Terrain – seit seinem Debüt »Gravesend«, 2018 im Polar Verlag erschienen, spielen alle Geschichten des 1978 geborenen Autors auf den rauen Straßen Süd-Brooklyns, wo Boyle, der seit 2008 in Oxford, Mississippi lebt, aufgewachsen ist. Auch wenn das Buch also sozusagen ein Heimspiel ist, ist es doch auch das bislang wohl ambitionierteste Werk Boyles. Die Krimiautorin Megan Abbot nennt es sogar sein bislang bestes und vergleicht es mit den New-York-Romanen von Großmeister Ricard Price (»Clockers«). Man könnte sogar noch weitergehen und sagen, dass sich Boyle mit »Saint of the Narrows Street« endgültig in die Liga der ganz Großen des Genres einreiht und über Süd-Brooklyn auf demselben literarischen Niveau schreibt wie Charles V. Higgins (»Die Freunde von Eddie Coyle«) über die Unterwelt von Detroit, Dennis Lehane (»Mystic River«) über South Boston, George Pelecanos (»Hard Revolution«) über das Washington abseits der großen Politik oder William McIlvanney (»Laidlaw«) über die Glasgower Unterwelt.
In vier Teilen erzählt Boyle in »Saint of the Narrows Street« vom Leben der Schwestern Risa und Giulia, von ihrem treuen Freund Christopher »Chooch« Gardini und ihrem Sohn Fabrizio, der ohne Vater aufwächst. Und von all den anderen oft traurigen, manchmal auch tragischen Figuren in diesem New Yorker Viertel, das zwar nur eine kurze U-Bahn-Fahrt von Manhattan entfernt ist, aber ebenso gut auf der anderen Seite der Erde liegen könnte. Von Jimmy Tomassullo, dem traurigen Gangster, der von Rache träumt, seit seine Frau Susie mit Savs Bruder Roberto durchgebrannt ist, von Sandra Carbonari, Savs Geliebter, die nach seinem Verschwinden nur noch den Suff hat, von Jane the Stain, der traurigen Lesbierin, die vor ihrem zu frühem Tod noch eine glückliche Nacht haben wird. Lauter in Alkohol marinierte verlorene Träume.
Jeder der vier Teile des Romans umspannt, wie man es von diesem Autor kennt, nur einen extrem kurzen Zeitraum, mal eine Nacht, mal zwei Tage, und die Kunst Boyles ist es, die Jahre dazwischen nicht nacherzählend hereinzuholen, sondern in den Dialogen und kurzen Erzählpassagen anklingen zu lassen. Beeindruckender hat lange niemand das Erzählprinzip show, don’t tell umgesetzt. Boyle setzt dabei auch auf Medien: auf die Musik, die die Figuren hören, auf die Unterhaltungsshows und Filme, die sie schauen – und die Realität holt er via Radio- oder Fernsehnachrichten in seine Geschichte.
Das Faszinierende an Boyles Romanen ist, dass er einen extremen Realismus mit einem Sinn für das Magische oder Mythologische mischt. Seine Romane sind keine Sozialstudien, sondern Literatur, und das Brooklyn hier mag nach dem Ort von Boyles Kindheit und Jugend modelliert sein, es ist aber mehr als das. Denn Boyle schreibt keine selbstverliebte Autofiktion, er will Geschichten erzählen über Figuren, die manchmal reale Vorbilder haben mögen, aber in den Romanen ihr eigenes Leben führen.
Boyle verklärt dieses Viertel seiner Jugend nicht, betreibt keine Nostalgieproduktion, auch wenn er sagt, dass er, sobald er sich an seinem Schreibtisch neue Geschichten ausdenkt, automatisch zurückkehrt nach Brooklyn. »Ich schreibe einfach über den Ort, den ich irgendwie immer noch am besten kenne«, sagt er. »Und ich denke, ich könnte mein ganzes Leben darüber schreiben.«
Boyle war zwölf Jahre alt zu Beginn der Neunzigerjahre, 22 Jahre, als sie zu Ende gingen. Für ihn ist das die prägendste Zeit seines Lebens. »Dieses Jahrzehnt war künstlerisch einfach unglaublich«, sagt er. »Die Musik, das Kino, die Literatur. Seitdem gab es so etwas nie wieder.«
Wenn er über Brooklyn schreibt, so macht Boyle das mit großer Zuneigung, aber ohne die dunklen Seiten zu verschweigen. In »Saint of the Narrows Street« klingt das so: »Die Stadt als große Gemeinschaft. Ein Schmelztiegel, wie es hieß, aber nicht nur der Kulturen, sondern auch des Leids, das in der Luft hing, und wenn man atmete drang es einem in Blut und Knochen«.
Das klingt finster, und man könnte meinen, dass dieser Teil Brooklyns, in dem selbst Kirchen deprimierende Namen tragen wie »Our Lady of Perpetual Surrender« (Unsere Dame von der ewigen Kapitulation) von Hoffnungslosigkeit durchdrungen ist. Aber Boyles Romane sind bei aller Tristesse oft auch sehr komisch, dunkle Komödien eigentlich. Vor allem in »Eine wahre Freundin« von 2020, das von Filmen wie Jonathan Demmes »Gefährliche Freundin« und »Die Mafioso-Braut« geprägt wurde, mischt er Gewalt mit Slapstick, und auch wenn »Saint of the Narrows Street« sich nicht scheut, in die düstersten Abgründe zu schauen, und in der Unausweichlichkeit, wie die Geschichte auf ihr schlimmes Ende hinsteuert, eher an eine griechische Tragödie erinnert, findet sich auch hier Hoffnung. Sei es in der Liebe zwischen den beiden Schwestern oder in der unerschütterlichen Treue ihres Freundes Chooch. Und dass Risa ihren Mann Sav zu Beginn ausgerechnet mit einer Bratpfanne erschlägt, zeigt wieder einmal Boyles Sinn für physischen Humor.
Im Gespräch mit dem Polar Verlag räumt Boyle allerdings ein, dass die Komik in »Saint of the Narrows Street« eher kürzer kommt als in vielen seiner früheren Bücher. Vielleicht ist der Roman doch eher italienische Oper als Screwball Comedy? »Auf jeden Fall«, antwortet Boyle. »Ich habe oft darüber nachgedacht, dass viele Melodramen, aber eben auch Kriminalromane ihre Wurzeln in der Oper haben.«
Doch »Saint of the Narrows Street« hat seine Wurzeln noch in einem anderen Genre, das heutzutage fast vergessen ist: dem britischen kitchen sink drama. Das waren Filme und Theaterstücke in den Fünfziger- und Sechzigerjahren, die sich den Nöten und Hoffnungen der britischen Arbeiterklasse künstlerisch genähert haben.
Dramen wie John Osbornes »Blick zurück im Zorn«, das, so Boyle, damals wie eine Bombe einschlug und mit Richard Burton kongenial verfilmt wurde, oder Karel Reiszs Kinoklassiker »Samstagnacht bis Sonntagmorgen«. Diese Vorbilder hätten ihn inspiriert, so Boyle, auch »Saint of the Narrows Street« weitgehend in beengten Wohnungen, an Küchentischen und in heruntergekommenen Kneipen spielen zu lassen. Tatsächlich ist Risas Küche das Zentrum der Geschichte. Hier erschlägt sie ihren Mann, hier schmiedet sie mit Chooch den Plan, der schließlich zum Tod von Savs Bruder Roberto führen wird, hier wird sie von dem kaputten Priester Vater Tim bedrängt, der um ihr dunkles Geheimnis weiß und sie erpressen will.
Es ist eine der stärksten Szenen des Romans, die eindrücklich zeigt, dass in Boyles Welt Religion und Kirche keinen Ausweg aus der Misere bieten, auch wenn die Kirchen damals noch voll waren und das Fehlen von Gemeindemitgliedern schnell bemerkt und nicht akzeptiert wurde. Boyle selbst, der aus einer schottisch-italienischen Familie stammt, ging zwölf Jahre lang auf eine katholische Schule, war während seiner Highschool-Zeit noch sehr gläubig und hat sich später am College viel mit katholischen Mystizismus beschäftigt, unter anderem beeinflusst durch die Lektüre von Autorinnen wie Flannery O’Connor und den Filmen von Robert Bresson. Auch wenn er sich inzwischen vom Glauben abgewandt hat, so sei er doch, sagt er, vom Katholizismus italienisch-amerikanischer Ausprägung nachhaltig geprägt worden. »Das Thema ist in allen meinen Romane präsent«, sagt Boyle. »Vielleicht könnte man sagen, dass ich ein katholischer Atheist bin oder kulturell sehr katholisch.« Das gelte ebenso für zwei seiner großen Helden, die Filmemacher Martin Scorsese und Abel Ferrara und ihren Umgang mit dem Thema.
Auch »Saint of the Narrows Street« ist ein Roman über das Ende des Glaubens: Risa ist zu Beginn des Romans noch durch und durch gute Katholikin, wird sich aber schließlich für immer von Gott abwenden: »Etwas Altes verlässt sie und etwas Neues dringt in sie ein. Eine tiefe Verzweiflung. Ein schreckliches rasiermesserscharfes Wissen.« Die Geschichte endet auf dieser sehr düsteren Note – sollte aber eigentlich mit einem Hoffnungsschimmer zu Ende gehen. Boyle hatte einen Epilog geplant, der vier Jahre nach den tragischen Ereignissen einsetzt und davon erzählt, dass Giulia ein Baby hat, Risa in ihrer Rolle als Tante aufgeht und Chooch endlich eine Freundin hat. »Ich wollte es schreiben, habe es aber nicht hinbekommen«, sagt Boyle. Und wahrscheinlich ist es besser so. Denn welches griechische Drama, welche italienische Oper hat schon ein Happy-End?
Wer mit William Boyle spricht, wird immer wieder auf seine Vorbilder zu sprechen kommen, auf die Schriftsteller, Filmemacher und Musiker, die er bewundert. Auf Jim Thompson und Jack Kerouac, Elmore Leonard und David Goodis. Der wichtigste von ihnen aber ist sicherlich Larry Brown aus Oxford, Mississippi – was übrigens viele Autoren im Polar Verlag ähnlich sehen, unter anderem Samuel W. Gailey, wie er im Interview zu seinem Roman »Tiefer Winter« verriet (https://polar-verlag.de/my-product/interview-42/).
Brown war kein Krimiautor, aber jemand der sehr, sehr dunkle Romane geschrieben hat, darunter die mit unverzeihlicher Verspätung vor einigen Jahren auch auf Deutsch übersetzten Meisterwerke »Joe« und Fay«. Ohne den 2004 gestorbenen Brown, sagt Boyle, wäre er nicht, wo er heute ist. Und das gleich in doppelter Hinsicht. »Er ist einer meiner absoluten Helden«, sagt Boyle. »Seine Bücher sind dafür verantwortlich, dass ich heute in seiner Heimatstadt Oxford lebe, und als ich sie das erste Mal gelesen habe, Anfang der Zweitausenderjahre, wusste ich: So wie er über die Gegend um Oxford möchte ich über mein früheres Zuhause Brooklyn schreiben.«
Natürlich gebe es unzählige Autoren, die Geschichten über New York und Brooklyn erzählten, so Boyle. Aber eben nicht so, wie Brown über Mississippi geschrieben habe. »Nur wenige Bücher zeigen die Stadt so, wie ich sie erlebt habe, als eine Art Endstation, bevölkert von Menschen aus der Arbeiterklasse, Menschen, die in verzweifelten Situationen feststecken und geprägt sind von Problemen und Konflikten.«
William Boyles Romane erzählen von Verbrechen, typische Kriminalromane sind es aber nicht. Nie geht es um einen Mord und die Aufklärung, auch Polizisten kommen so gut wie gar nicht vor. Er habe null Interesse daran, von Polizisten zu erzählen, sagt Boyle. In »Brachland«, das 2022 im Polar Verlag erschien, gibt es einen Ex-Cop, aber das ist die absolute Ausnahme. »Es ist nicht so, dass ich diese Art Romane nicht mag, im Gegenteil lese ich sie sogar sehr gern. Nur schreiben will ich sie nicht. Ich erzähle lieber von Menschen, die in den Seilen hängen und immer weiter Schläge einstecken müssen.« Und so werden wir auch weiterhin mit William Boyle durch die Straßen seiner Jugend streifen. Gerade hat er einen neuen Roman fertiggestellt, eine Krimikomödie, sie spielt 1991 in Brooklyn. Wann und wo auch sonst?
