Das Kino hat meine Art, die Welt zu sehen, geprägt
William Boyle im Gespräch mit Marcus Müntefering

Ihre frühen Romane spielen nahe an der Gegenwart, aber inzwischen gehen Sie in Ihren Geschichten stets in die Vergangenheit zurück. Saint of the Narrows Street etwa spielt zwischen 1986 und 2004. Warum?
Ja, das stimmt. Mein erstes Buch Gravesend erschien 2013, spielt aber 2010. Einsame Zeugin war ebenfalls eher zeitgenössisch. Danach bin ich Schritt für Schritt zurückgegangen. Ein wahre Freundin spielt um 2006, und dann habe ich mich immer weiter in die 90er- und 80er- Jahre bewegt. Das hat viel damit zu tun, dass der Teil von Brooklyn, den ich beim Schreiben vor Augen habe, der meiner Kindheit ist.
Ihr neues Buch wirkt vom Aufbau her anders als die Vorgänger, epischer. Es umfasst etwa 18 Jahre, richtig?
Genau, es ist in vier große Abschnitte unterteilt. Ich habe mich dabei von Richard Linklaters Film »Boyhood« inspirieren lassen. Alle meine bisherigen Bücher spielten in sehr kurzen Zeiträumen, aber diesmal wollte ich eine längere Entwicklung zeigen
– ohne alles komplett zu erzählen. Ich wollte die Leser einfach bestimmte Momente erleben lassen, ähnlich wie »Boyhood« das macht. Letztlich ist der Roman eine Mischung aus den zeitlich kurzen Erzählpassagen, wie man sie von mir kennt, und einem eher epischen Rahmen.
Diese Zeitsprünge sind erzählerisch schwierig zu bewältigen. Wie sind Sie damit umgegangen?
Das war tatsächlich die größte Herausforderung beim Schreiben. In den ersten Entwürfen habe ich immer versucht, nach jedem Zeitsprung aufzuholen – zu erklären, was in den Jahren dazwischen passiert ist. Mein Lektor hat mir dann geraten, das zu streichen. Ich musste lernen, direkt in die neue Situation einzusteigen. Viele Erklärungen habe ich nach und nach durch Andeutungen, Dialoge oder Gedanken ersetzt.
Sie schreiben fast immer in der Gegenwartsform, was man eher von actionreichen Krimis kennt. Warum?
Lustig, dass Sie das fragen, darüber habe ich grade am Wochenende mit meinem Freund Eli Cranor gesprochen …
… dem gefeierten Autor von toughen Kriminalromanen wie »Ozark Dogs« und »Bis aufs Blut« …
Das hat sich bei meinem Debüt Gravesend einfach richtig angefühlt. Zuvor hatte ich jahrelang vergeblich in der Vergangenheitsform geschrieben, aber als ich erstmals das Präsens benutzte, hat es Klick gemacht. Diese Zeitform gibt der Geschichte Dringlichkeit und erlaubt mir, leichter zwischen aktueller Handlung und den Reflexionen und Erinnerungen der Figuren zu wechseln. Manche Leser mögen das nicht, ärgern sich sogar richtig drüber, aber ich finde, es passt perfekt zu meiner Art zu erzählen.
Unterrichten Sie noch Literatur an der University of Mississippi in Oxford?
Ich unterrichte noch, zwei Tage die Woche, aber nicht hauptsächlich Literatur, sondern Schreibkurse für Erstsemester. Gelegentlich gebe ich auch Kurse für kreatives Schreiben. Ich bin ja auch nur Lehrbeauftragter, kein Professor und sehe mich als Vollzeit-Schriftsteller – das Unterrichten mache ich nebenbei, und ehrlich gesagt auch wegen der Krankenversicherung. (lacht)
In Ihren Romanen gibt es viele Popkultur-Anspielungen – Musik und Filme hauptsächlich. Manche Autoren würden das vermeiden, weil sie Angst hätten, dass ihre Leser diese Anspielungen nicht verstehen. Warum ist Ihnen das so wichtig?
Das ist so ähnlich wie mit der Verwendung des Präsens, viele lehnen es ab. Ich mochte es aber schon immer, wenn Autoren in ihre Romane solche Bezüge einbauen, wie zum Beispiel George Pelecanos bei seinen Washington-Krimis, die ich sehr liebe. Für mich ist das keine Spielerei, sondern Teil der Charakterzeichnung. Was jemand hört, sieht oder liest, verrät viel über ihn. Ich will zeigen, welche Songs meine Figuren hören, welche Filme sie prägen. Es geht mir nicht darum, meinen eigenen guten Geschmack zu demonstrieren, sondern darum, auf diese Weise die Figuren glaubwürdig zu machen.
Wenn eine Frau Joni Mitchell mag und ihr Mann Hair Metal, so sagt das doch eine Menge über ihre Beziehung aus.
Besonders Risa scheint stark von Filmen geprägt zu sein.
Ja, absolut. Sie verliebt sich zum Beispiel in ihren späteren Ehemann Sav …
… einen Tunichtgut, den sie gleich zu Beginn des Romans umbringt …
… weil er sie an Ralph Macchio aus Coppolas Verfilmung des Romans »The Outsiders« erinnert. Das spiegelt ein bisschen meine eigene Erfahrung wider – ich habe auch schon Entscheidungen im Leben getroffen, weil mich jemand oder etwas an eine Figur oder einen Moment aus einem Film erinnert hat.
Es gibt auch diese Szene, in der Chooch, Risas treuer Freund und Partner in Crime, erkennt, dass er mit Risa kein Happy End haben wird – und das Ganze wie in einem Film vor sich sieht.
Genau. Viele Menschen sehen ihr Leben durch eine Art filmische Linse, Filme formen ihre Erinnerungen und ihre Erwartungen an die Zukunft. Chooch hofft auf ein romantisches Ende, aber das Leben läuft anders. Mein Roman arbeitet mit diesem Gegensatz: den Traum, also wie es sein könnte – und die Realität, also wie es wirklich ist.
Denken Sie, dass Filme heute noch denselben Einfluss haben wie früher, in der Zeit etwa, in der Saint of the Narrows Street spielt?
Ich glaube, das hat sich stark verändert. Als Teenager habe ich 10 bis 15 Filme pro Woche gesehen – das war meine Filmschule. Durch Filmadaptionen wie The Grifters habe ich Autoren wie Jim Thompson entdeckt. Das Kino hat mein Leben geprägt, meinen Geschmack, die Art, wie ich die Welt sehe. Meine Kinder – sie sind 14 und 11 – haben eine ganz andere Beziehung dazu. Sie sind ständig online, ihre Aufmerksamkeit ist fragmentierter. Trotzdem sehe ich, dass sie sich von Filmen berühren lassen können, nur eben auf andere Weise.
Gibt es aktuell noch Filme, die Ihnen den Glauben an die Kraft des Kinos zurückgeben?
Ja, wenn auch selten. Ich habe kürzlich den neuen Paul-Thomas-Anderson-Film gesehen – One Battle After Another – und fand ihn so außergewöhnlich, dass ich ihn gleich zweimal angesehen habe. Solche Filme zeigen mir, dass Kino immer noch etwas bewegen kann.
