Leseprobe
©Christoph Kretschmer/Adobe Stock

»Das spar ich mir«, sagt Sav. »Wollt sowieso nie Vater werden. Oder Ehemann. Aber Giulia geb ich gern einen Abschiedskuss.« Er lässt den Rucksack auf den Boden fallen und wankt auf Giulia zu, nimmt sie in die Arme und drückt lachend sein Gesicht gegen ihren Hals. Sie hält das Messer in der Hand und kann sich nicht rühren.
»Lass sie los«, sagt Risa. Rasch verfrachtet sie Fab wieder in den Laufstall. Empört fängt er erneut an zu heulen, was die Spannung noch vergrößert.
Dann macht Sav einen Schritt zurück. Nicht um zu tun, was Risa gesagt hat, sondern weil er bemerkt hat, dass die Pistole vom Tisch verschwunden ist. Er tritt an den Tisch und wischt mit der Hand darüber, als würde er sich vielleicht nur einbilden, dass dort keine Pistole mehr liegt. »Wo ist sie?«, fragt er.
»Weg«, sagt Risa.
Er fängt an zu suchen. Die Obstschale. Der Flurschrank. Die Arbeitsflächen in der Küche. »Wo zum Teufel hast du sie versteckt?«, fragt er Giulia und geht zu ihr. Sie zielt mit dem Messer nach ihm. Er packt ihr Handgelenk und verdreht es, bis sie das Messer fallen lässt. Klappernd fällt es auf den Boden. Fab weint jetzt so heftig, dass er sich verschluckt.
»Ich hab sie draußen in den Gully geworfen«, sagt Giulia.
»Dazu hattest du überhaupt nicht die Zeit«, sagt Sav verwaschen. Seine rechte Hand schiebt sich über ihren Bauch und ihre Brust nach oben und packt ihren Hals, fängt an zuzudrücken, als wollte er die Antwort aus ihr herauspressen.
Giulia fängt an zu zittern, die Augen halb geschlossen.
Risa hastet in die Küche und nimmt die immer noch warme Eisenpfanne vom Herd. Sie ist angetrieben von dem Gedanken, Giulia zu beschützen, und gleichzeitig dem, sich von Sav zu befreien. Jede ihre Bewegungen wird von Fabs Schluchzen begleitet, als sie neben Sav tritt. Sie hält mit beiden Händen den Griff der Pfanne umklammert, holt aus und lässt sie gegen seinen Kopf krachen. Das Geräusch ist fürchterlich. Ein dumpfes Knirschen. Er kippt nach hinten um, donnert mit dem Kopf gegen die Tischkante und landet zwischen ihnen auf dem Boden.
Risa lässt die Pfanne fallen, Öl mit Panadekrümeln breitet sich auf dem Boden aus. Sav rührt sich nicht mehr. Er hat eine klaffende Wunde an der Stirn, wo sie ihn getroffen hat, und noch eine – eher eine tiefe Delle – an der Schläfe, wo er gegen den Tisch gekracht ist. Er blutet heftig. Das Blut fließt auf die Öllache zu. Risa steigt über ihn und nimmt die nach Luft ringenden Giulia in die Arme. Risa denkt an das Schicksal, daran, wie eine Verkettung von Ereignissen zu diesem Moment geführt hat, und sie fragt sich, welche Entscheidungen sie treffen, welchen Preis sie zahlen muss. Sie stellt sich vor, wie sie Sav hilft, wie sie den Notarzt ruft, wie die Cops sie und Giulia befragen. Sie stellt sich eine Gefängniszelle vor. Dann stellt sie sich vor, ihn sterben zu lassen, stellt sich vor, so viel Blut aus ihm herausfließen zu lassen, dass die ganze Wohnung rot überflutet ist. Sie stellt sich vor, wie sie die Wohnung in Brand setzt, damit Sav wie in dem Film darin verbrennt. Sie sieht zu Fab, dessen Kummer Verwirrung gewichen ist, und winkt ihm zärtlich zu.

 Kapitel 2

Giulia schnappt sich den Wein. Sie setzt sich an den Tisch und trinkt gleich aus der Flasche. Risa geht ins Wohnzimmer, holt Fab aus dem Laufstall und stillt ihn auf der Couch. Giulia hört sein Schmatzen. Sav ist nur ein Körper auf dem Boden, unter Kopf und Rücken hat sich eine Blutlache gebildet. Direkt neben ihm liegt die Pfanne. Das Blut ist von dem Öl braun verfärbt. Sie wissen nicht, wie schlimm die Verletzung ist. Er scheint noch zu atmen. Giulia fragt sich, was sie jetzt tun sollen. Eigentlich ist sie feige. Am liebsten würde sie weglaufen und ihre Schwester allein einen Ausweg suchen lassen. Aber das könnte sie Risa nie antun, die sie mehr als jeden anderen Menschen liebt. Vielleicht steht Sav ja wieder auf und wankt wie ein Zombie mit gespaltenem Kopf aus der Wohnung. Jedenfalls hat er gekriegt, was er verdient hat. Sie spürt noch, wie sich seine Hand um ihren Hals schließt. »Herrgott, Ris«, sagt Giulia schließlich mit einem hysterischen Kichern. »Das war echt ein Schlag.«
»Was sollen wir jetzt tun?«, fragt Risa und rückt Fab in ihren Armen zurecht.
»Wir buddeln ein Loch im Garten, und zwar ein richtig tiefes.«
»Glaubst du, dass er wirklich tot ist?«
Giulia hört eine verzweifelte Erregung in Risas Stimme.
»Es war nur eine Pfanne«, fährt Risa fort. »Ich musste es tun.«
»Außerdem ist er gegen den Tisch geknallt.« Giulia deutet auf einen breiten Blutschmierer an der Tischkante, in dem eines seiner schwarzen Haare klebt. »Ich hoffe, das Arschloch ist tot. Muss sich gut angefühlt haben, ihm eine zu verpassen.«
Giulia hat nie ganz verstanden, warum Risa Sav geheiratet hat.
Als Kind hat Risa stundenlang Glückwunschkarten für Giulia gebastelt. Außerdem hat sie ihr oft ein kleines Geschenk an einem der Stände in der Eighty-Sixth Street gekauft – Ohrringe, ein Armband, Kühlschrankmagneten, Stofftiere, Wackelfiguren, Sticker für ihr Album. Sie war ein Kind, das seiner kranken Schwester Tee und Suppe ans Bett brachte. Nie hat sie sie kritisiert, sondern immer unterstützt. Selbst als sie und Pop sich zerstritten, gab sie Giulia das Gefühl, auf ihrer Seite zu sein. Risa war von einem echten Glauben beseelt und ging regelmäßig zur Kirche, während Giulia diesen Unsinn schon lange aufgegeben hatte. Kurz gesagt ging es Risa immer darum, andere glücklich zu machen. Alles kam von Herzen.

Was Sav anging, stand für Giulia von Tag eins an fest, dass er nichts als Probleme bringen würde. Ihr Ex-Freund Marco LaRocca war im selben Block wie Sav aufgewachsen, von daher kannte sie ihn vom Sehen, und sie kannte auch die Geschichten über ihn. Wie er sich anzog, wie er ging, seine Frisur, seine Großspurigkeit und Gleichgültigkeit, seine Stimme. Man sah es ihm an den Augen an – er wollte Leute und Situationen ausnutzen, andere herumschubsen, war grundlos aggressiv und ständig kurz vorm Explodieren. Klar, es war schlimmer geworden, aber richtig gut war es von Anfang an nicht gewesen. Es gab ja diesen Spruch, dass Gegensätze sich anziehen, aber es bestand ein Unterschied zwischen Gegensätzen und Leuten, die einfach nicht zusammenpassten.