BILL ASHCRAFT UND
DAS GROSSE
AMERIKANISCHE DING

Was wir hier haben, ist ein Pick-up, der durch eine heiße Julinacht fährt, ein kleines Päckchen an der Unterseite des Radkastens festgezurrt. Das alles nach einer vierzehn-stündigen Fahrt von New Orleans bis Ohio, der Fahrer bis zum Anschlag von LSD angekurbelt. Das alles, nachdem Bill Ashcraft in seiner Heimatstadt eingetroffen und zwei Relikten des imperialen, kriegsverletzten Herzens seines Landes begegnet war. Nachdem er den dekorierten Helden Dan Eaton getroffen hatte, der ziellos und hohläugig in der Dämmerung umherwanderte. Nachdem er Rick Brinklans kühles, glasglattes Grab besucht hatte, sein erstes Mal, seit Brinklans zerschmetterte Leiche heimgekehrt war. Nach der Kneipenschlägerei, die plötzlich durch Eatons einfallsreichen Einsatz eines Glasauges beendet worden war. Dann noch ein paar weitere Schulhofgeister eingeworfen, mit denen er sich in der Bar schlapp gelacht hatte: Jonah Hansen, Spross einer Wohnungsbau-Dynastie, und die ehemaligen Rust-Belt-Football-Ikone Todd Beaufort, und was für ein Netz aus wirklich irritierenden Erinnerungen diese alternden Jungs gemeinsam mit ihm ergaben. Aber das lassen wir jetzt mal beiseite. Dan Eaton wird das alles irgendwann mal erzählen. Für den Moment muss man nur verstehen, dass Stoff geschluckt wurde, aber was Bill angeht, war die mystische, ineinander verflochtene Energie dieser Nacht nicht gerade entschleunigend. Von dem Moment an, als er die Tablette auf seine Zunge legte und in der sumpfigen Hitze des Bayous auf den Highway einbog, verstand er, dass er diesmal durch ein paar Flussbiegungen mäandern würde, doch selbst für seine Maßstäbe fühlte sich der Weg verschlungen an, unvorhersehbar und weit entfernt von dem, was man erwarten würde, wenn man in seine zerfaserte und heimgesuchte Stadt zurückkehrte, um ein zwielichtiges Päckchen an eine Gestalt aus der eigenen tiefen, nasskalten, dunklen, verdammten Vergangenheit auszuliefern, was so viel heißt wie: Liebe Gegend, ich bin hier selbst ein Fremder.
Dann, nachdem er Eaton am Eastern Star Retirement Home abgesetzt hatte, damit er seinen eigenen zweifarbigen Dämonen nachjagen konnte, ging dem verdammten Pick-up das Benzin aus.
Schwer, jemand anderem als Bill Ashcraft hierfür die Schuld zu geben. Er hatte nicht vorhergesehen, dass es so viele Ablenkungen geben würde, und seine Tankanzeige hatte die Genauigkeit eines kreationistischen Biologiebuchs. Die meiste Zeit hatte er liebevoll an seine Flasche Jameson gedacht, die in der geisterhaften Dämmerung zwischen den Grabsteinen irgendwann leer war.
Die alte Chevy-S10-Dame klickte, rasselte, ratterte und ging keuchend aus, wobei sie sich anhörte, als würde sie sich einpinkeln, bevor ihr Motor vollständig aufgab. Bill steuerte sie auf den Seitenstreifen, wo hohes trockenes Gras an der Unterseite des Fahrgestells kratzte und sie stehen blieb.
»Du vertrocknetes Miststück«, erklärte er dem Pick-up. »Du altes, hinterlistiges, mieses …« Er lachte laut und knochentrocken. »Nee, ich mache nur Spaß.« Er umarmte das Lenkrad. »Ich liebe dich immer noch, Mädel. Wir gehen zusammen durch dick und dünn, Schätzchen.«
Die Scheinwerfer warfen einen schiefen Lichtblock auf die vergilbten Gräser dieses holprigen, baumgesäumten Abschnitts der State Route 229, vielleicht eine Meile vor New Canaan.
»Weißt du noch, wie wir aus Kansas rausgefahren sind, während eine komplette Flotte Streifenwagen uns gejagt hat, als wären wir Bankräuber? Das war witzig.«
Er ließ das Lenkrad los und seufzte. Weder Bill noch sein Pick-up waren je in Kansas gewesen.
Er war verflucht besoffen, was für ihn schon etwas hieß. Außerdem war er von dem Acid noch ziemlich aufgedreht. Die Wirkung dieser verdammten Tabletten. Hielt. Ja. Ewig. An. Man musste wirklich darauf vorbereitet sein, in eine andere Dimension einzutreten, die Deregulierungen dieses speziellen Irrenhauses zu akzeptieren, zu akzeptieren, dass man nie zurückkehren würde und sich das Leben unter diesen neuen, hirnleeren, fackel-fieber-gefütterten Umständen vorzustellen.
Es war okay. Diese durchgeknallte Ratte von Tag würde einfach noch eine Weile weiter in seinem Scheißhaus dampfen müssen.
Die Sache war ja die, sinnierte Bill: Wann immer man zurück in der Stadt war, begegnete man Leuten aus der Highschool. Das war der Doppel-Bogey dieses Ortes. Aber Eaton auf seinem Weg zu Rick zu begegnen und dann später Beaufort gegenüberzusitzen, der jetzt, nachdem er alle seine neun Football-Leben aufgebraucht hatte, aussah wie die traurige, nasse, aufgedunsene Leichen-Version des Titans, der er in der Highschool gewesen war, und das in dieser Nacht der Nächte – nun, das war seltsam, als hätte das verdammte Universum seine Hand im Spiel. Obwohl sie so etwas wie Teenager-Feinde gewesen waren, spürte er auch die Verbindung: einst gut aussehende, muskulöse Kleinstadt-Athleten, die nicht verstehen konnten, warum sie nicht die Welt erobert hatten.
Scheiß-doch-der-Hund-drauf. Heute Nacht summte das Universum. Er spürte es durch seinen Drang hindurch, sich zu übergeben. Er glaubte nicht an Gott, Schicksal oder Zufall, aber dadurch war ziemlich wenig übrig, um irgendetwas tatsächlich zu erklären, und manchmal traf der richtige Asteroid den richtigen Planeten, sodass die Echsen nicht mehr an der Reihe sind und die verfickten Affen übernehmen.
»Planet der Affen!«, brüllte Bill in seinem Wagen. »Es ist unser Planet. Was für eine Wendung.«
Er war mindestens ein paar Kilometer von der nächsten Tankstelle entfernt und er hatte sein Handy in Arkansas aus dem Fenster geworfen, nachdem er kurz davon überzeugt gewesen war, die NASA würde ihn überwachen. Er holte den Küchenwecker aus seiner Tasche: 02:37:47. Jetzt würde er zu Fuß latschen müssen. Er wühlte im Handschuhfach herum, bis er die Rolle Paketband fand. Er schaltete die Scheinwerfer aus, stieg aus dem Wagen und ging zu dem linken hinteren Reifen. Darunter kriechend, fand er das kleine Päckchen, das mit einem komplizierten Durcheinander an Schnur und Klebeband in der Nische befestigt war. Er benötigte ein paar Minuten, um sein Werk wieder zu lösen, pulte an Klebebandklumpen, die seine Finger einkleisterten, zupfte betrunken an Knoten und stellte bewundernd fest, dass die schwarze Struktur eines inneren Auspuffsystems aussehen konnte wie ein phantasmagorisches Traum-Imperium, das vermutlich von einem barbarischen Autokraten regiert wurde (der getrocknete Matsch, entschied er, war das umgedrehte Ödland, wo die meisten Rebellen besiegt und gekreuzigt wurden), bis die Ladung herunterfiel.
Er kroch wieder hervor und klopfte sich den Staub ab. Das Päckchen war rechteckig, so lang wie ein Umschlag für Geschäftsbriefe, ein paar Zentimeter dick. Ein hübscher langer Ziegel, so fest und gründlich in Plastik und Klebeband eingewickelt, dass er absolut nichts preisgab, keine Textur, Farbe, Geruch oder Art des Inhalts. Bill knöpfte sein Flanellhemd auf, legte es auf den Pick-up und klebte sich das Päckchen hinten hochkant an die Wirbelsäule. Dann wickelte er sich das Paketband um Bauch und Rücken und fixierte das Päckchen. Als es sich sicher anfühlte, riss er das Klebeband ab, das mit der butterweichen Stille nachgab, angesichts derer man über die vielfältigen Errungenschaften der industriellen Zivilisation staunt. Er warf die Rolle auf die Ladefläche. Dann linste er auf seinen Bauch.
»Erst viel zu spät wurde ihm bewusst, dass er das Scheißklebeband abreißen müsste, wenn er angekommen war«, sagte er zu seinem Rumpf. Seine Bauchhaare, die nun mit erstickendem, süßlichem Kleber vermischt an seiner Haut hingen, waren jetzt entsetzte kleine Kerle.
Bevor er den Gedanken weiterverfolgen konnte, drehte er sich um und kotzte ins Gras, was ihn schnell nüchtern machen würde, wusste er, und kurz bis mittelfristig zu einem echten Durchhänger führen würde.
Er kehrte kurz zum Wagen zurück, zog ein Foto von der Sonnenblende und steckte es in seine Gesäßtasche. Dieses Foto hatte einen wechselhaften Weg hinter sich. Viele Male hatte er überlegt, es dort zurückzulassen, wohin auch immer der Wind ihn gerade geweht hatte. An wie vielen Wohnheim-Korkwänden oder Hostel-Badezimmerspiegeln oder Apartment-Kühlschränken hatte er es mit Magneten oder Nadeln oder sonst wie angepinnt, immer in dem Glauben, dass es der letzte Ruheort in seinem Königreich sein würde. Dass er es dort zurücklassen würde, wie er jedes andere Ding zurückgelassen hatte. Doch irgendwie war es immer das Teil, was ihm noch einfiel, das eine frische Stück an vergrabenem nostalgischem Schiefer, das er ausbuddelte, bevor er weiterzog. Manchmal fragte er sich, ob dieses klebrige Foto seine eigene Agenda hatte.
Dann ging er los in Richtung der Lichter der Stadt, die, mangels anderer konkreter Alternativen, immer noch sein Zuhause war. Nachdem er ungefähr eine halbe Meile die Straße entlanggegangen war, stellte er fest, dass er zwar an das Foto gedacht, aber den Zündschlüssel im Schloss stecken gelassen hatte, sowie tausend Dollar im Handschuhfach.
Er machte sich nicht die Mühe umzukehren.
