Loslassen – Lernst Du das nie?
Ein Nachwort von Lore Kleinert

Am Ende ist es dann doch wieder der Aquavit, der über Verluste und Niederlagen hinweghelfen wird – wie lange, bleibt ungewiss, lässt aber die Hoffnung zu, dass dies nicht der letzte Band mit Varg Veum als Ermittler ist. Die Hoffnung auf saubere Energie in Norwegen wie in vielen anderen Ländern war jedenfalls sehr groß, denn dass der Meeresboden irgendwann kein Öl mehr hergeben wird, war und ist auch dort, an der Quelle unverhofften Reichtums, vielen klar. Doch auch Investoren, die eine menschenleere Westküste voller Windkraftanlagen als Garant zukünftiger Gewinne betrachten – und dabei auf den entschiedenen Widerstand von Naturschützern stoßen –, erweisen sich als sterblich. Zumindest einer von ihnen, und Staalesen umreißt mit dem Konfliktden Hintergrund eines gesellschaftlichen Dilemmas, das nicht nur in Norwegen sehr aktuell erscheint: Ist alles, was dem Erhalt des Klimas nützt, gleichzeitig im Sinne aller? Der Unternehmer und Investor Mons Maeland ist jedenfalls erst einmal verschwunden, und Varg Veum, Staalesens altgedienter Privatermittler, wird auf seine Fährte gesetzt.
Seit 1977 lässt Staalesen seinen vor allem von Ross MacDonald inspirierten Helden in nunmehr zwanzig Bänden agieren, – »ein Ausgestoßener in der Großstadt, ein Einzeltäter«, wie er ihn mal nannte. Ursprünglich Sozialarbeiter, ist Veum längst mit allen nur möglichen Verbrechen konfrontiert: Prostitution, Drogenhandel, Neonazismus, Rache, Wirtschaftsverbrechen. Dem ruhigen, melancholischen Mann ist nichts fremd, nicht in den Slums und auch nicht in der vermeintlich feinen Gesellschaft.
Norwegens Ölreichtum hat nicht nur den Wohlstand des Landes vermehrt, sondern Verelendung und Gier in neue und unerwartete Konstellationen gepresst. Es verwundert also nicht, dass die hierzulande gerade von Naturschützern hoch geschätzte Windkraft zum Thema wurde, welches bekannte Organisationen zum Schutz der Umwelt auf unserem Planeten zutiefst spaltet.
Ein großer Vorteil Varg Veums ist es, dass er nicht urteilt und nicht Partei ergreift, sondern sich auf der Suche nach dem verschwundenen Investor bei allen Beteiligten umhört und uns an den verschiedenen Standpunkten und Argumenten teilhaben lässt. Schließlich ist er Privatermittler und der Polizei nichts schuldig. »Veum. Bei uns in der Stadt steht er auf der Liste der Störenfriede«, – die Polizei spielt natürlich ihre Rolle, mittlerweile auf differenziertere Weise als in den ersten, von Ressentiments aus den 68er Protestjahren stärker geprägten Romanen.
Eigentlich geht es ihm ziemlich gut, dem einsamen Wolf, denn seine Freundin Karin ist mit der zweiten Frau des verschwundenen Unternehmers Mons befreundet und hat ihm den Auftrag verschafft, und so auch den Zugang zu allen anderen Familienmitgliedern. Der Roman beginnt jedoch damit, dass Karin, die er sehr lange schon schätzt, inzwischen seit 11 Jahren liebt und gern heiraten würde, schwer verletzt wird und ins Koma fällt, und er sitzt an ihrem Krankenbett, – ein Zeitsprung, wie man ihn aus vorigen Romanen kennt, und ein Ereignis, das für die Leser seine Schatten auf die Ermittlungen wirft. Schwer, in diesem Nachwort nicht zu spoilern, und deshalb sollen vor allem zwei Verfahren hervorgehoben werden, die Staalesens Ruhm als Meister des skandinavischen Kriminalromans auch in diesem Roman begründen und erneuern.
Zum einen ermöglicht er uns mit seinem Privatermittler, das Problem des verschwundenen Mannes Mons elegant zu umkreisen und in dieser Kreisbewegung auf immer neue und andere Spuren, Beobachtungen und Stolpersteine zu stoßen. Der Weg führt ins Unbekannte: in sektenhaft-religiöse Gemeinschaften, Aktivistenkreise und zu persönlichen Verknüpfungen, deren Relevanz sich erst nach und nach erschließt. Und statt sich zu klären und zu ordnen, verwirren sich die Dinge immer mehr, bis Gewalt, Mord, Verletzung Zeichen setzen, die wiederum auf neue Wege verweisen. Varg Veum ist gezwungen, ihnen zu folgen und setzt sich dieser ganz besonderen Art der Verstrickung aus, und wir folgen ihm. Komplexe Handlungen zeichnen immer die besten Kriminalromane aus.
»Es hätte ein ganz normaler Nachmittag in der Hütte sein können, ein netter Plausch zwischen alten Bekannten. Aber so war es nicht. Das hier war etwas ganz anderes. Es war, ohne dass uns das irgendwie schon klar gewesen wäre, der Anfang vom Ende.« (284)
Und das führt zum zweiten wichtigen Element, zur ganz besonderen Art, wie er uns Leserinnen und Leser dazu verlockt, sich komplizierten Rätseln zu stellen: seine Art zu schreiben, hier von seinen Übersetzern, das muss unbedingt erwähnt werden, in
ihrem Rhythmus glänzend erfasst. Staalesens Ermittler ist Erzähler dessen, was er tut, was er wahrnimmt, wie er es empfindet, und das in größtmöglicher Akribie, die zunächst in ihrer kleinteiligen Genauigkeit vielleicht befremdet, dann aber einen unwiderstehlichen Sog entwickelt. Nicht nur die Sicht aller Menschen, die mit dem verschwundenen
Unternehmer zu tun hatten, der zunächst für den Einsatz der Windkraft und dann aber offenbar dagegen kämpfte, wird minutiös vorgestellt. Ebenso Staalesens westnorwegische Heimat, die mächtige Natur, ihre besondere Schönheit.
»Das Licht fiel jetzt aus einem anderen Winkel ein, …so wie es da draußen, am äußersten Rand des Festlands immer war – mit dem konstanten Meeresrauschen schien alles in ewiger Bewegung und zugleich doch unveränderlich. Wenn aber das Leben mich eines gelehrt hatte, dann, dass es genau umgekehrt war: nichts von dem, was Gott oder wer auch immer erschaffen hatte, war unveränderlich.«
Varg Veum ist der, der kommt, sieht und schließlich findet, und die frühere Rolle des zornigen Racheengels hat der einsame Jäger längst dagegen eingetauscht, in den Abgründen seiner Fälle auch die eigene Wahrheit gespiegelt zu bekommen. Seine genaue Beobachtungsgabe, sein stetiger Gedankenfluss ziehen uns in den Bann, und auch hier sind es wieder die scheinbar nebensächlichen, kleinsten Wahrnehmungssplitter, die die Rätsel, und es sind immer mehrere, lösen helfen. Staalesen ist ein hochgebildeter Autor, vertraut mit der Literatur der USA ebenso wie mit der Frankreichs, die er mal studierte, und als er als Dramaturg am Theater in seiner Stadt Bergen arbeitete, wurde ihm klar, wie sehr zum Beispiel Henrik Ibsens »in fast allen seiner modernen Stücke eine Form verwendet, die zweifellos einer Kriminalgeschichte sehr ähnelt, in der die Geheimnisse der Vergangenheit allmählich enthüllt werden.« (siehe Interview) Für den Kriminalroman entschied er sich, weil er die norwegische Gesellschaft in ihrer Komplexität möglichst vielen Menschen zeigen wollte und noch immer will. Die fundamentalistische Christenszene ist ein Teil davon, gespalten auch sie, wenn es um das Ernten des Windes geht, denn bibelfeste Menschen wissen ja, dass zumindest das Säen des Windes gefährliche Folgen haben kann.
Die Folgen für den Ermittler Veum, der schon als Sozialarbeiter richtige Fragen zur richtigen Zeit stellte, sind im siebzehnten Band erheblich und wohl kaum mit Aquavit zu lindern, und sein Schuldbewusstsein erreicht diesmal biblische Ausmaße. Bleibt also die Frage, wie es mit Staalesen und ihm weitergeht!
»Wann wirst du endlich lernen, einen Fall loszulassen, Varg? Lernst du das nie? Und als ich den Motor anließ, antwortete ich mir auch: Nein. Nie.« (260)
