Veum zieht Bilanz über sein Leben
Gunnar Staalesen im Gespräch mit Lore Kleinert

Sie schildern den Konflikt um Windkraftanlagen in Norwegen – wie hat er sich denn inzwischen entwickelt?
In Wirklichkeit hat sich die Situation weiterentwickelt. Die Konflikte rund um geplante Windkraftanlagen sind heute sogar noch größer als damals, als ich das Buch im Jahr 2010 geschrieben habe. Eine neue Dimension des Konflikts sind die unterschiedlichen Meinungen zu Offshore-Windkraftanlagen, daher halte ich dieses Buch für eines der aktuellsten, die ich geschrieben habe.
Gibt es in Politik und Gesellschaft eine Debatte über die Endlichkeit der Ölvorkommen in der Nordsee?
Ja, das ist derzeit eine der schwierigsten politischen Debatten in Norwegen. Vor allem die Parteien des linken Spektrums sowie die Organisationen und Parteien, für die
Klima- und Umweltfragen im Mittelpunkt stehen, führen die Debatte gegen die Mehrheit der anderen Parteien an.
War die Zersplitterung der Umweltorganisationen damals so, wie Sie sie beschreiben, und hat sich in dieser Hinsicht seitdem etwas geändert?
Tatsächlich gibt es immer noch zwei getrennte Umweltorganisationen, aber die älteste scheint derzeit die stärkste zu sein. Sie hat gerade vor dem Obersten Gerichtshof einen Prozess gegen ein Bergbauunternehmen gewonnen, das seinen Müll in einem fischreichen Fjord entsorgt, in dem viele Fische und andere Meereslebewesen leben. Und es gibt noch einige andere Organisationen dieser Art, darunter auch internationale wie den WWF.
Inwieweit hat Norwegens Ölreichtum die gesellschaftlichen Werte verändert, und wie wichtig ist es für Sie, dies in Ihren Romanen zu thematisieren?
Ich befürchte, dass sich die gesellschaftlichen Werte in Norwegen in den letzten fünfzig Jahren sehr verändert haben, seit wir das Öl in der Nordsee gefunden haben. Die alte Haltung der Solidarität ist nicht mehr dieselbe. Wir werden von einer eher amerikanischen Denkweise beeinflusst, die das Ego in den Mittelpunkt stellt. Wie in vielen anderen europäischen Ländern gewinnen die rechten Parteien und Bewegungen an Einfluss, und die Kluft zwischen Arm und Reich ist heute größer als früher.
Die Grenzen zwischen den verschiedenen Schichten der norwegischen Gesellschaft sind durchlässiger geworden. Aber ist die Arroganz der Reichen nicht sogar noch ausgeprägter geworden, weil sie sich noch stärker abgrenzen wollen?
Einige der reichsten Menschen in Norwegen zahlen weniger Steuern als ein Polizist, eine Krankenschwester oder ein Lehrer. Nicht wenige von ihnen – darunter einige der
Reichsten überhaupt – sind in die Schweiz gezogen, weil sie die Steuern in ihrem Heimatland nicht zahlen wollen. Aber wenn sie alt werden und ins Krankenhaus müssen, raten Sie mal, wer dann nach Norwegen zurückkehrt, um die kostenlose Krankenhausbehandlung in Anspruch zu nehmen, die die Steuerzahler finanziert haben!
Spiegeln die Konflikte innerhalb von Mons’ Familie typische Konflikte in der norwegischen Oberschicht wider?
Nicht unbedingt. Es handelt sich eher um eine dramaturgische Entscheidung, die Konflikte innerhalb einer Familie anzusiedeln. Aber natürlich unterscheiden sich in vielen Familien die Standpunkte der einzelnen Familienmitglieder.
Im Roman sagt Varg Veum, das Leben habe ihn gelehrt, dass nichts in Stein gemeißelt sei. Ist das auch eine Kritik an starren religiösen Positionen? Und wie viel Einfluss haben diese noch in der norwegischen Gesellschaft?
Nun, Varg ist ein liberaler und pragmatischer Typ, der definitiv zum linken Flügel der Gesellschaft gehört. Die starren religiösen Positionen haben im heutigen Norwegen den größten Teil ihres Einflusses verloren. Das zeigt sich in der aktuellen Debatte um Israel und den Gazastreifen. Die Norwegische Kirche ist radikaler als noch vor 50 Jahren, und sie wird von den rechtsgerichteten Christen kritisiert, die Israel bedingungslos und ohne jeden Zweifel unterstützen.
Biblische Passagen helfen Veum, den Fall besser zu verstehen – zum Beispiel der Gekreuzigte. Aber ist nicht die Intuition des Ermittlers in Bezug auf familiäre Verstrickungen der entscheidende Faktor?
Wie alle Norweger in Vargs Alter (und sein fünf Jahre jüngerer Schöpfer) ist er (sind sie) in einer Gesellschaft und einer Schule aufgewachsen, die stark von der christlichen Religion und all den Geschichten aus der Bibel geprägt waren. Er und auch ich werden immer ein Bild oder einige weise Worte aus der Bibel finden. Ich glaube, Varg hat eine engere Beziehung zu den ursprünglichen christlichen Bewegungen als zu dem, wohin sich die Kirche im Laufe der Jahrhunderte entwickelt hat. Aber es ist immer sein Verständnis von familiären Beziehungen (man bedenke, er wurde zum Sozialarbeiter ausgebildet), das ihm hilft, die Fälle zu lösen.
Veum hatte schon immer Konflikte mit den Polizeiermittlern. In diesem Roman hatte ich den Eindruck, dass sich dies etwas geändert hat und dass beide Seiten flexibler geworden sind.
Ich halte es für durchaus realistisch und glaubwürdig, dass die Polizeiermittler sich durch diesen Privatdetektiv, der sich in ihre Fälle einmischt, stark gestört fühlen. Das ist eine Art Tradition im Krimigenre, die auf Autoren wie Raymond Chandler und Ross Macdonald zurückgeht. Selbst in den Büchern von Agatha Christie ist der Privatdetektiv schlauer als die Polizisten! In meinen Büchern hat sich diese Haltung geändert, das lässt sich bereits ab dem zweiten Band der Reihe, »Dein bis in den Tod«(1979, in Deutschland 2007), feststellen. Es ändert sich jedoch von Buch zu Buch, mit welchem Polizeiermittler er konfrontiert wird; zu manchen hat er ein besseres Verhältnis als zu anderen.
Was Varg Veums Selbstvorwurf angeht: »Wann wirst du endlich lernen, loszulassen?« Er fühlt sich schuldig, dass seine Partnerin Karin angegriffen wurde, weil er seiner Aufgabe als Ermittler nachging – welche Zukunft soll er in Ihrem Krimiuniversum haben?
Hier in Norwegen habe ich nach diesem Roman noch fünf weitere Bände der Reihe veröffentlicht. In den ersten Büchern, die darauf folgten, hat er wegen seiner Trauer und seiner Schuldgefühle große Schwierigkeiten. Er trinkt viel zu viel, so viel, dass er unter Gedächtnislücken leidet, und landet schließlich im Gefängnis, wo schwerwiegende Vorwürfe gegen ihn erhoben werden. Sie müssen einfach abwarten, bis diese Bücher übersetzt sind, um die Antwort auf diese Frage zu erhalten! Und ich muss zugeben, dass ich gerade an einem neuen Varg-Veum-Roman arbeite und sogar schon eine Idee für einen weiteren habe – ich weiß also selbst noch nicht so recht, wie oder wann die Geschichte enden wird.
Am Ende des Romans bleibt Varg Veum nichts als Aquavit oder doch mehr?
Ja, denn es gibt zum Glück mehrere Fortsetzungen! Am Ende lernt Varg sogar, seinen Aquavit-Konsum zu kontrollieren. Ich würde ihn selbst als »zeitweiligen Alkoholiker« bezeichnen.
Veum zieht Bilanz über sein Leben, aber er ist in diesem Roman erst 56 Jahre alt; was gibt es für Ihre Figur, die Sie schon so lange begleitet, noch zu lernen?
Varg ist mein bester Freund. Er begleitet mich, seit ich ihn 1976 erschaffen habe, wir haben also ein langes Leben gemeinsam hinter uns. Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht an ihn denke. In dem zuletzt in Norwegen erschienenen Buch – im Jahr 2023 – ist er 62 Jahre alt und immer noch in guter Verfassung. Da er ein chronologischer Held ist, der 1942 geboren wurde, und ich ihn noch einige Jahre »jung« halten möchte, werden die Romane immer mehr zu historischen Romanen, wobei der 2023 erschienene Roman im Jahr 2004 spielt …
Umweltprojekte sind die Investitionschance Nummer eins, sagt Stine Sagvåg im Roman – hat sich das inzwischen auch in Norwegen bewahrheitet?
Ich fürchte, die Antwort lautet nein. Aber ich hoffe, dass Stine Sagvåg auf lange Sicht doch noch Recht behalten wird.
