Leseprobe
©Christoph Kretschmer/Adobe Stock

Ich verwarf die Heidenmission, entfernte mich vom Bethaus und fand den Pfad, der nördlich der Ortschaft durch den Wald führte. Das letzte Gebäude vor dem Waldstück war ein kleines, rot gestrichenes Haus mit weißen Gardinen. Als ich einen Blick in die Richtung warf, nahm ich hinter einer der Fensterscheiben eine Bewegung wahr. Flüchtig sah ich ein bleiches Frauengesicht, das sich schnell zurückzog, als käme hier das leibhaftige Böse vorbei.
Ich durchquerte ein klassisches Aufforstungsgebiet mit hohen, dunkelgrünen Tannenbäumen, die allermeisten weit über Weihnachtsbaumgröße. Die untersten Zweige waren trocken und braun, und der Erdboden war von einer weichen Nadelschicht bedeckt.
Dann kam ich in offenes Gelände. Eine zerfurchte, wettergegerbte Mondlandschaft aus Quarz erhob sich nordwärts über Brennøy. Der Pfad verlor sich. Nun hieß es einfach, den natürlichen Vertiefungen in der Landschaft zu folgen. Hier und da kam ich zu schmalen Grasflächen zwischen Felsbrocken, wo der Pfad kurz wiederauftauchte. Der Wind vom Meer her erfasste mich, durchwühlte mein Haar und fuhr wie heiße Liebkosungen über mein Gesicht, der Atem einer kräftig gebauten, unsichtbaren Liebhaberin.
Nach fünf Minuten entdeckte ich das Kreuz. Es erhob sich auf einem der äußersten Felsen. Auf den ersten Blick sah es aus wie die Probeaufstellung eines Windrads, aber je näher ich kam, desto weniger Zweifel gab es. Wie ein lokales Golgatha hob es sich dort im Norden der Insel gegen das Meer ab, ein Menetekel für die Windradanhänger
oder was auch immer es bedeuten sollte. Als ich es erreichte, wirkte es wie ein gigantischer Grabstein, fest in einem Betonsockel verankert und derart solide zusammengezimmert, dass es selbst den heftigsten Windstößen standhalten sollte. Doch der Grund, warum es da stand, das, was es symbolisieren sollte, blieb im Dunkeln. Auf seine stumme Weise erzeugte es ein unbestimmtes Unbehagen in mir, als sei es eine Warnung vor etwas, das geschehen werde.
Ich blieb stehen und blickte mich um. Das war Norwegens äußerster Rand. Im Norden zeichneten sich undeutlich die Bergformationen von Ytre Sula und weiter landeinwärts, am Sognefjord, der Berg Lihesten ab, eine verwehte Landschaft, wo die Meeresbrandung rhythmisch aufschlug und die See nur äußerst selten ganz zur Ruhe kam. Viel weiter draußen konnte man nicht sein.
Mit einem Mal fühlte ich mich klein. Diese Landschaft hatte seit Beginn aller Tage hier gelegen, über lange Zeit von Eis bedeckt und nur für den Bruchteil einer historischen Sekunde von Menschenfüßen betreten. Das Meer hatte noch länger dort gelegen, über Tausende Jahre zu Eis erstarrt, dann noch einmal so lange rhythmisch wogend, sein Puls zu langsam, als dass wir ihn erfassen könnten, ein universeller Kreislauf, von dem wir im Laufe unserer kurzen Zeit auf Erden gerade einmal undeutlich den Schatten zu erkennen vermochten.
Aus verständlichen Gründen gab es hier draußen auf den äußersten Felsen weder Wohnhäuser noch Bootsanleger. Ein paar Wildschafe hätten vielleicht mittels Heidekrauts und anderer Vegetation überleben können, für alle anderen waren die Lebensbedingungen schlecht. So gesehen stand hier dem Bau einer Windkraftanlage nichts entgegen.
Als ich den Blick wieder landeinwärts wandte, entdeckte ich, dass ich Gesellschaft bekommen würde. Ein hochgewachsener Mann in dunkler Kleidung und mit schlohweißem, wehendem Haar war auf dem Weg zu mir. In der rauen Landschaft hatte er etwas Stilisiertes und Unwirkliches, wie er da zielbewusst und mit langen Schritten auf mich zukam. Eine Figur, die direkt einer nordischen Saga entsprungen sein konnte.
Schon auf den ersten Blick war etwas Prophetisches und Alttestamentarisches an ihm. Daher war es keine große Überraschung, als er direkt vor mir stehen blieb, sich durchs Haar fuhr, mich streng anstarrte und mit tiefer, durchdringender Stimme sagte: »Ich bin Lars Rørdal. Und wer sind Sie, wenn ich fragen darf?«
»Varg Veum.«
Eine Regung irgendwo zwischen Lächeln und Grimasse durchfuhr sein Gesicht. »Hab ich recht gehört? Ein Wolf im Heiligtum?«
Ich lächelte zurück. »Und Sie? Ein einsamer Rufer in der Wüste?«
Er sah mich ernst an. »Das können Sie sagen.« Sein Blick glitt zum Kreuz, das sich hinter uns erhob.
»Sie sind der Vater von Ole, nicht wahr?«
Er nickte. »Das kann ich nicht bestreiten.«
»Ihre Frau habe ich auch schon kennengelernt, als ich vorhin eingecheckt habe.«
»Ole ist ein guter Junge. Das kann niemand bestreiten.« Er gab mir die Möglichkeit, doch ich antwortete nicht, und so fuhr er fort: »Was machen Sie hier draußen?«
»Mich umsehen.«
Er blinzelte misstrauisch. »Ja, repräsentieren Sie irgendeine Gesellschaft?«
»Eine Gesellschaft? Nein. Nur mich selbst. Aber ich habe einen Auftrag.«
»Und der wäre …«
»Sie kennen doch Mons Mæland.«
Er öffnete und schloss zweimal den Mund, bevor er antwortete. »Ja. Kommen Sie in seinem Auftrag?«
»Nicht in seinem. Aber in dem seiner Frau.«
»Ich fürchte, ich verstehe nicht.«
»Haben Sie ihn in der letzten Zeit mal gesehen?«
»Mons? Er war hier draußen – vor ein oder zwei Wochen. Ich erinnere mich nicht genau. Ich habe ihn nur flüchtig gesehen. Hab gefragt, wie es ihm geht.«
»Und was hat er geantwortet?«
»Er sagte, es sei ihm schon besser gegangen. Ich habe gefragt, ob er darüber reden wolle. Es kann ja alles Mögliche los sein, und ich bin … Prediger. Ich bin es gewohnt, dass Leute sich mir anvertrauen. Aber er wollte nicht. – Nein, hat er gesagt. Nicht jetzt.«
»Sind Sie auf das zu sprechen gekommen, was …« Ich sah mich um. »Was hier draußen passieren soll?«
Sein Gesicht verhärtete sich. »Was passieren soll – oder was manche Menschen gern hätten?«
»Die Windkraftanlage.«
»Ja, ich habe verstanden, was Sie gemeint haben. Und ja, wir sind darauf zu sprechen gekommen. Er sagte, er hätte seine Auffassung geändert, und das war wohl nicht gerade populär. Nicht einmal im engeren Familienkreis.«
»Ja, das habe ich schon mitbekommen. Es gab auf jeden Fall Uneinigkeit.«
»Genau, denn die Tochter ist auf unserer Seite. Aber das Bürschchen … ja, so nenne ich ihn … Kristoffer. Der lässt sich nicht beirren. Außerdem hat er die Macht des Kapitals hinter sich …«
»Und damit meinen Sie …«
»Norcraft Power.« Er sprach die englischen Wörter voller Verachtung norwegisch aus. »Aber sie vergessen eines. Diese Landschaft ist das Werk Gottes. Er hat sie uns als Gabe dargeboten, aber nicht, damit wir sie verschandeln, wie es jetzt angedacht ist. Der Herr wird diesen Frevel hart bestrafen. Pest und Zerstörung, Sturmflut und andere Katastrophen werden uns ereilen, wenn wir nicht den Kurs ändern und lernen, nach Gottes Wort zu leben.«
Er sah mich herausfordernd an, als erwarte er Protest. Ich biss mir auf die Zunge, wie es meine Gewohnheit war, wenn ich auf Menschen mit mehr oder weniger fundamentalistischer Grundhaltung stieß. In aller Regel war der Versuch, mit ihnen zu diskutieren, Energieverschwendung. Als ich nichts sagte, nickte er und richtete noch einmal den Blick zum Kreuz.
»Haben Sie das vielleicht errichtet?«, fragte ich spontan.
»Einige Brüder und ich. Als Warnung an die Ungläubigen.«
»Aber Sie haben nicht vor, hier draußen jemanden zu kreuzigen?«
Abrupt machte er einen Schritt auf mich zu. »Spotten Sie nicht! Die Erde ist es, die gekreuzigt wird, und das Jüngste Gericht ist nah, glauben Sie mir. Nur die Barmherzigkeit Gottes kann uns erlösen!«
»Ich habe es so verstanden, dass Mons Mæland regelmäßig hier draußen war.«
»Selbstverständlich. Er hatte wohl kaum einen anderen Grund, hier noch länger herzukommen. Das Land hier gehört ihm, aber das werden Sie wissen. Ihm und seiner Gesellschaft.«
»Ja … Haben Sie denn von denen die Erlaubnis bekommen, das hier aufzustellen?«
»Haben die Gott um Erlaubnis gefragt, hier draußen Windräder aufzustellen?«
»Ein solcher Antrag dürfte im öffentlichen Verfahren kaum vorgesehen sein.«
Er betrachtete mich mit hartem Blick. »Noch einmal: Spotten Sie nicht! Haben Sie Ehrfurcht vor dem Herrn, Mann, das sage ich Ihnen!«
»Tut mir leid, aber … das Grundstück gehört nun mal Mons Mæland und denen.«
»Und was glauben Sie, wie die sich das angeeignet haben?«
»Keine Ahnung.«
»Sie haben es einem alten Mann abgeluchst, der kaum bei Bewusstsein war, in einem Altenheim in Eivindvik. Per Nordbø hieß er, und er ist gleich danach gestorben, 1988. Ein alter Junggeselle ohne Erben.«
»Aber der Kauf muss ja zumindest von der Gemeinde anerkannt worden sein.«
»Und was soll das sein, die Gemeinde?«, fragte er verächtlich. »Ist sie etwa von Gott eingesetzt worden?«
Ich zögerte ein paar Sekunden, bevor ich antwortete. »Nein, streng genommen ist das wohl nicht der Fall.« Und nach einer kleinen Pause fügte ich hinzu: »Mit anderen Worten stellen Sie also Gott über die Gemeinde und folgen eher Seinen als deren Geboten?«
»Da können Sie sicher sein.«
Ich konnte es mir nicht verkneifen: »Vielleicht wird das Antragsverfahren da oben schneller abgewickelt?«
Er blickte mich böse an. Um zu zeigen, was er meinte, schob er eine Hand in die Jackentasche und zog eine kleine, abgenutzte Bibel mit schwarzem Ledereinband und einem goldenen Kreuz auf dem Buchdeckel hervor. Die hielt er mir mahnend direkt vors Gesicht. »Hier steht alles geschrieben, Veum, vom ersten Tag auf Erden. Andere Gesetze brauchen wir nicht.«
»Schon gut … Ich würde gern auf Mons Mæland zurückkommen, falls Sie nichts dagegen haben. Wenn er hier draußen war, haben Sie sich dann üblicherweise getroffen?«
»Von Zeit zu Zeit. Längst nicht jedes Mal. Wir hatten nicht viel zu bereden.«
»Aber in Ihrer Jugend … Ich habe gehört, dass Sie zusammen tanzen waren. Sie und er und – Ihre Frau.«
Kurz regte sich etwas in seinem Gesicht. »Das war damals. Hat Kristine Ihnen das erzählt?«
»Ich habe sie zu Mons befragt.«
Er sah mich mit versteinerter Miene an. »Tja. Ich habe die Erleuchtung in dem Jahr empfangen, als ich zwanzig geworden bin. Davor habe ich mich noch um weltliche Dinge gekümmert. Aber nun halte ich mich gottlob auf der rechten Seite.«
»Betreiben Sie und Ihre Frau diesen Ort hier gemeinsam?«
»Es ist ein Familienbetrieb, ja, aber Kristine betreibt ihn. Ich kümmere mich nicht um so was.«
»Nein, das kann ich mir vorstellen. Was morgen hier draußen passieren soll … Die Ortsbesichtigung. Haben Sie vor, dabei zu sein?«
»Ja, da können Sie sicher sein. Die werden hier nicht wegkommen, ohne das Wort Gottes gehört zu haben!«
Schön, dass der Herr seinen Repräsentanten vor Ort hat, dachte ich. Aber ich sagte es nicht. Stattdessen fragte ich, ob ich ein paar Bilder von ihm vor dem Kreuz machen dürfe. Dagegen hatte er seltsamerweise nichts einzuwenden. Er stellte sich auf mit einer Miene, als wäre er der Baumeister bei einem Richtfest, klar zur Feier mit der ganzen Belegschaft. Aber es waren nur wir beide dort.
Danach machte ich noch ein paar Bilder von der Landschaft. Das Licht fiel jetzt aus einem anderen Winkel ein, und die Konturen bekamen einen anderen, so wie es da draußen am äußersten Rand des Festlandes immer war – mit dem konstanten Meeresrauschen schien alles in ewiger Bewegung und zugleich doch unveränderlich.
Wenn aber das Leben mich eines gelehrt hatte, dann, dass es genau umgekehrt war; nichts von dem, was Gott oder wer auch immer erschaffen hatte, war unveränderlich.
Wir gingen zusammen zurück. Am Bethaus trennten wir uns. Er ging hinein, möglicherweise um eine kleine Andacht für die Heidenmission zu halten. Ich selbst schlenderte zum Anleger und den Fischerhütten hinunter. Flüchtig registrierte ich, dass ein schwarzer Audi A4 mit Bergenser Nummernschild den Platz neben meinem grau lackierten Toyota Corolla eingenommen hatte.
Ein großer Cabin Cruiser machte sich zum Anlegen bereit. Im Steuerhaus erkannte ich vage das Gesicht von Ole Rørdal, an Deck stand Stein Stueland mit der Trosse in beiden Händen. Beim Näherkommen erkannte ich noch eine der Personen an Bord. Die junge Frau, die neben Ole Rørdal stand, war Else Mæland.