Attica Locke – Bewegung im Krimi-Spektrum

Ein Nachwort von Ulrich Noller
©Max Soklov/Adobe Stock

»Du und Deine Krimis« – als krimibegeisterter Leser erntet man immer wieder mal ein mildes Kopfschütteln, wenn man von seiner speziellen Lese-Leidenschaft erzählt. Polar-Leser:innen kennen das, da bin ich sicher. Und die Frage, die dahintersteckt, ist ja auch eine, die einen hier und da selbst beschäftigt: Was genau ist eigentlich so faszinierend an dieser Art von Genre-Literatur? Etwas zugespitzt gefragt: Was ist eigentlich Krimi? Nicht so leicht zu sagen, wäre hier und jetzt meine Antwort; aber wer die Darren Mathews-Reihe von Attica Locke gelesen hat, der weiß, worum es geht. Denn Attica Locke schöpft das Potenzial dieser speziellen Art zu erzählen auf ganz eigene Weise und: mit vollen Händen aus.

Was genau ist also ein Krimi? Dafür gibt es trotz aller Genre-Erfolge bislang keine schlüssige, verbindliche Definition. Die Kriterien, die sich anbieten – Verbrechen, Spannung, Gewalt, Rätsel zum Beispiel – sind keine Alleinstellungsmerkmale, eignen sich also nicht für eine exakte, verbindliche Definition. Was genau einen »Krimi« ausmacht, liegt im Auge des Betrachters und ist damit letztlich eine Sache des Gefühls, wie es der Publizist und Literaturwissenschaftler Thomas Wörtche mal herausgearbeitet hat: Ein Krimi ist das, was ich gerade lese und für einen Krimi halte. Ohne eine gewisse Ambiguitätstoleranz geht es damit grundsätzlich nicht für Krimifans, und das ist gut so, denn diese Ambiguität macht eh nicht bloß seine Dynamik und seine Kreativität aus, sie ist eine der Bedingungen seiner Existenz. Denn unter anderem daraus entsteht: Spannung.

Möglicherweise könnte ja der Begriff des Spektrums gut geeignet sein, um die Kunst des Krimis etwas besser zu verstehen. Also eine Anzahl von Möglichkeiten oder Elementen, die sich nach bestimmten Merkmalen anordnen. Der Begriff ist selbst so vielschichtig wie seine semantische Bedeutung, spielt in der Physik, in der Mathematik, in der Technik eine Rolle – und bei der Diagnostizierung und Beschreibung von Autismus. Man kann, wenn man so will, die Vielschichtigkeit der Krimi-Kultur als
Krimi-Spektrum verstehen. Innerhalb dieses Spektrums gibt es verschiedenste Konstellationen dessen, was genau das jeweils einzelne Narrativ ausmacht. Oft geht die Variabilität des großen Ganzen dabei mit einer gewissen Festlegung im Kleinen einher: Autor X arbeitet verlässlich mit dem Schema Y, er hat seine Koordinaten im Spektrum gefunden und festgelegt. Auch das ist das Spannende bei Attica Locke und ihrer Darren Mathews-Reihe: Sie hat nur vermeintlich diese klaren Koordinaten, denn zugleich bewegt sie sich im Spektrum, von Fall zu Fall, ihre Romane haben eine gemeinsame DNA, aber keiner ist wie der andere. Sie wandern im Spektrum, und die Entwicklung, die dabei passiert, ist bemerkenswert.

Im Zentrum von allem stehen zwei Protagonisten. Darren Mathews natürlich, der Dreh- und Angelpunkt. Er ist, wenn man so will, eine verkörperte Widersprüchlichkeit, ein hoch ambiger Charakter, der kaum zu fassen ist, auch für sich selbst. Das meint seinen Status als Schwarzer Texas Ranger, der einerseits staatliche Macht verkörpert, andererseits zugleich als Schwarzer Texaner mit allem intuitiv vertraut ist, was der Rassismus in der Geschichte dieser staatlichen Macht bis in die Gegenwart für afroamerikanische Menschen und andere Minderheiten bedeutet. Das ist Darren mehr oder minder bewusst – im Gegensatz zum zweiten Aspekt, der inneren Widersprüchlichkeit, die sein Leben und seinen Charakter massiv prägt. Das meint seine verletzte
und traumatisierte Seele, die in der Abwesenheit der Mutter begründet ist; die allerdings wiederum, ihre Gründe eben in den gesellschaftlichen Verhältnissen hat, die Attica Locke mit ihren Romanen durchmisst und durchdringt. Und gegen deren Wirkung Darren in seiner Rolle ankämpft wie einer, der einen Marathon mit Fußfesseln bestehen muss. Vergeblich? Jedenfalls spiegelt und konzentriert sich alles, das große Ganze, in der Anlage seiner Person. Sie wollte eigentlich keinen Cop-Roman schreiben, hat Attica Locke in Interviews gesagt, das spielt auf das Unbehagen an, einen zentralen Protagonisten zu schreiben, der für das rassistische System steht, wie bedingt auch immer. Was Attica Locke mit der Figur des Darren Mathews aus diesem Vorbehalt gemacht hat, ist bemerkenswert, eine Quadratur des Kreises, wenn man so will – denn der Schwarze Texas Ranger repräsentiert Macht wie Ohnmacht gleichermaßen, er ist ein wandelnder Widerspruch, der jederzeit genau daran zu zerbrechen droht.

Der zweite zentrale Protagonist ist – Texas. Genauer gesagt: Texas wird zum zweiten Protagonisten, denn es schält sich erst über die drei Bände hinweg immer deutlicher hinaus, wie umfassend und vielschichtig dieses Texas mit seiner Gesellschaft, mit seinen Behörden, mit seinen Geheimbünden, mit seiner Natur, mit seiner Musik – und mit seinen Minderheiten das Eigentliche ist, um das sich die Romane drehen. Ein fast organisch wirkendes Wesen, das letztlich sogar den Protagonisten Darren in den Schatten stellt. Auch hier die ganze Widersprüchlichkeit: Der Schatten, das sind vor allem die Geschichte und die Gegenwart des Rassismus sowie die Machtverhältnisse, die sich dahinter verbergen. Die mit allen Mitteln bewahrt werden sollen, auch mit denen des Verbrechens. Zugleich erobert Attica Locke mit ihren Romanen und mit ihrem Darren das Land und seine Landschaften auch zurück, indem sie diese Strukturen darlegt, hinterfragt und zugleich auch Deutungshoheit übernimmt. Sie gibt den Leuten, die vom weißen Mainstream ausgeschlossen wurden, ihr Land zurück, mit den Mitteln der Literatur. Eine Ermächtigung. Das gelingt nicht nur politisch-gesellschaftlich im Zentrum, sondern auch »nebenbei«, eben wenn es um die Musik geht etwa oder in den intensiven Beschreibungen von (ost-)texanischen Landschaften, Flora und Fauna. Ganz wichtig bei alldem: Der Highway 59, auf dem Darren immer wieder unterwegs ist, um den herum so viel passiert, der vielleicht sogar ein Schlüssel zum Geschehen ist. Nicht umsonst benennt der Verlag im amerikanischen Original die Reihe: »A Highway 59 Novel«.

Im Lauf der Trilogie ändert sich die Rolle von Darren Mathews und damit der Charakter der Geschichten, in deren Mittelpunkt er steht, gravierend. Er wird als grund-widersprüchlicher Ermittler etabliert. Er nimmt die Gerechtigkeit in die eigene Hand, positioniert sich damit teils jenseits des Gesetzes. Und er gibt auf, zumindest seinen Job bei den Texas Rangers. Die Verbrechen, von denen Attica Locke dabei erzählt, das ist konstant, haben immer eine aktuelle und eine zeitgeschichtliche Komponente. Der Blick aufs Verbrechen verändert die Perspektive – auf das Vergangene im Gegenwärtigen. Letztlich geht es um Erinnerung; die Ermittlung dient dazu, Erinnerungslücken zu schließen, um den Blick nicht nur zu schärfen, sondern auch die Perspektive klarstellen zu können. Trotz dieser Konstanz – keiner der Romane ist wie die anderen. Im Krimi-Spektrum ist Attica Locke mit ihrer Reihe stetig in Bewegung, sie erfindet sich und Darren immer wieder auf’s Neue.

Was nun in »Guide me Home« passiert, ist erstaunlich. Ohne jede Macht, denn er ist ja kein Ranger mehr, ermittelt Darren ein Verbrechen, von dem er gar nicht weiß, ob es überhaupt eines ist. Ist das Mädchen, auf das seine Mutter ihn hinweist, tatsächlich
verschwunden oder ist sie lediglich nicht auffindbar? Die Geschichte ist in der Gegenwart angekommen; was hier auf der Fallebene erzählt wird, dient zwar auch dazu, die politischen und gesellschaftlichen Untiefen der Zeit zu vermessen. Aber das ist nicht das Zentrum, sondern eher nur der Rahmen, in dem sich das Eigentliche konzentriert und zuspitzt. Auf diese eigentlichen Ebene geht es um die Mutter und Darrens schwieriges Verhältnis zu ihr. Die Last der Vergangenheit, die Erinnerungen und die Erinnerungslücken, die falschen Informationen, die die Gegenwart belasten. Die sein ganzes Leben, seine innere Widersprüchlichkeit, sein Trauma geprägt haben.
Seine Fußfesseln. Darren bekommt die Chance, die Geschichte seines Lebens neu und anders zu schreiben. Und da taucht plötzlich etwas am Horizont auf, das kaum realistisch schien: Die Möglichkeit zur Versöhnung. Eine hoch emotionale, bewegende Geschichte, die Attica Locke unfaßbar gut in Szene setzt. Eine Geschichte auch, die in die Zukunft weist, in der unsere Gegenwart Vergangenheit sein wird; mit der Frage: Ist Versöhnung auch für die Gesellschaft möglich?

Von der Ermittlerstory (aka »Krimi«) wandelt sich der Roman zu einem Psychogramm und zur Familiengeschichte. Eine strukturelle Metamorphose. Denn: Es gibt ja durchaus ein Rätsel, das zu lösen ist, und eine Ermittlung, die erfolgreich ist. Die eigentliche, die dramaturgische und auch die emotionale Auflösung erfolgt allerdings auf der anderen Ebene, eben in Darrens Verhältnis zu seiner Mutter. Auch für die Versöhnung mit sich selbst, so zeigt sich da, braucht man Erinnerungen und Informationen über die eigene Geschichte, eine ganz spezielle, schwer belastete, aber auch erleichternde Ermittlung.

Attica Locke und Darren Mathews sind auf der strukturellen Ebene derweil gleichermaßen im Genre und auf dem Sprung, das Genre zu verlassen. Hat man, glaube ich, in der Form auch noch nicht gelesen. Eine neue Koordinate im Krimi-Spektrum also, kann man auf jeden Fall machen, fordert genau die Ambiguitätstoleranz, die für begeisterte Krimileser:innen den Spaß an der Freude ausmacht.