Schutzlos und Ausgeliefert

»Malin Thunberg Schunke im Gespräch mit Lore Kleinert
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Sie verknüpfen in TÖDLICHE FELDER die Arbeitsbedingungen ausländischer Erntehelfer auf Plantagen mit dem Einsatz verbotener Pestizide. Wie sind Sie auf diesen Zusammenhang, der im Roman im Zentrum der Ermittlungen steht, gestoßen?
Ich habe viele Zeitungsreportagen über die schlimmen Bedingungen für ausländische Saisonarbeiter auf den Gemüsefeldern rund um Europa gelesen. Das Thema hat mich sehr berührt und ich wollte mehr darüber wissen. Als ich weiter recherchiert habe, fand ich auch Berichte über den Einsatz verbotener Pestizide und habe mir vorgestellt, wie Arbeiter unwissend und schutzlos auf solchen Feldern arbeiten.

Sie selbst haben ja nicht direkt bei Eurojust gearbeitet, aber viele Inspirationen bekommen; – wie war das bei der Recherche für diesen Roman?
Nachdem mein Debütroman EIN HÖHERES ZIEL in Schweden im Jahr 2019 veröffentlicht worden ist, hat die Pressesprecherin von Eurojust mich nach Den Haag eingeladen. Eurojust ist eine Behörde, die relativ unbekannt in der Öffentlichkeit ist und sie waren dort sehr begeistert, endlich in den Blickpunkt treten zu können. Der Kontakt ist nach dem Besuch immer enger geworden und hat viel für meine Serie bedeutet. Vor allem habe ich einen wertvollen Einblick hinter die Kulissen bekommen, um realistisch und glaubwürdig darstellen zu können, wie es in der Praxis bei Eurojust wirklich zugeht.

2004 wurde der Ausdruck »Das Dreieck des Todes« in einer englischen Fachzeitschrift eingeführt, hier führte die illegale Entsorgung von Giftmüll zu einem massiven Anstieg der Krebserkrankungen. Seit den 70er Jahren wurden Millionen Tonnen giftigen Mülls nach Italien gebracht und vergraben oder verbrannt. Ein Mafioso hat in den 90er Jahren ausgesagt, der Fall bildet den Hintergrund zur Romanhandlung, und seit 2004 war auch in Italien vom »Dreieck des Todes« die Rede. Wie erfolgreich waren damals die Ermittlungen?
Sie waren nicht sehr erfolgreich. Schon in den 80er-Jahren wurde die illegale Entsorgung von Giftmüll rund um Neapel entdeckt, aber die Ermittlungen dazu kamen nur zögerlich voran. Mit den Aussagen von dem Mafiaboss Carmine Schiavone Anfang 1990 begannen die italienischen Behörden mit einer konsequenteren Strafverfolgung. Schiavone hat nicht nur über die Einzelheiten des organisierten Entsorgungssystems ausgesagt, sondern hat auch erzählt, wo der Giftmüll vergraben ist. Die Behörden sind zwar diesen Hinweisen nachgegangen, aber die Untersuchungen umfassten jedoch nicht alle Gebiete. Viele Regionen blieben aufgrund fehlender Ressourcen, Sicherheitsbedenken und Komplexität unerforscht. Letztendlich gab es auch nur einzelne Verurteilungen für Umweltverbrechen wo Mafiosi und Unternehmer zu Rechenschaft gezogen wurden. Im Januar 2025 hat der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte in den Fall Cannavacciuolo u.a. versus Italien entschieden, dass Italien gegen das Recht auf Leben in Artikel 2 der Europäischen Menschenrechtskonvention verstoßen hat. Das Gericht hat festgestellt, dass der italienische Staat über Jahrzehnte nicht ausreichend gegen illegale Müllanlagerung, Eingrabung und Verbrennung von gefährlichen Abfällen in der Region Tessa dei Fuochi (zwischen den Provinzen Neapel und Caserta) vorgegangen ist. Italien wurde dazu verpflichtet, eine umfassende Strategie gegen illegale Müllablagering zu entwickeln, u.a. Transparenz über belastete Gebiete und Gesundheitsrisiken zu schaffen.

Inwieweit wurde seither das Problem auf andere Kontinente verlagert? Spielen die europäischen Behörden dabei weiterhin eine Rolle?
Das Problem mit der illegalen Giftentsorgung geht leider weiter. In Schweden ist z.B. in den letzten Jahren eines der größten Umweltverbrechen in der schwedischen Geschichte aufgedeckt worden. Die Müllfirma »Think Pink« hat mehr als 200 000 Tonnen giftigen Industriemüll an 21 verschiedenen Orten in Schweden vergraben. Mehrere Personen wurden angeklagt und sind in erster Instanz zu Gefängnisstrafen verurteilt worden. Der Fall ist sehr ähnlich zu dem Geschehen in dem italienischen Dreieck des Todes, da die vergrabenen Substanzen (unter anderem Schwermetalle) sehr krebserregend sind. Ein weiteres Beispiel ist ein Fall von Anfang 2025, in dem Europol zusammen mit nationaler Polizei eine kriminelle Organisation aufgedeckt hat, die 35.000 Tonnen Giftmüll aus Italien, Slowenien und Deutschland nach Kroatien transportiert und dort vergraben hat. Es gibt auch weitere Fälle, z.B. in Afrika und Asien.

Thema Sklavenarbeit in der Landwirtschaft, verbunden mit Menschenhandel – in Italien arbeitet fast eine halbe Million Menschen schwarz. Wie konnten Sie das recherchieren?
Diese Zahl ist eine Einschätzung verschiedener Zeitungsartikeln, u.a. auch in der italienischen Presse. Das Buch wurde in Schweden im Jahr 2020 veröffentlicht, es bezieht sich also auf die Zeit davor.

Die Methoden des »caporalato« in der italienischen Landwirtschaft gibt es schon sehr lange. Die Camorra ist tief verstrickt in die Landwirtschaft und die Lebensmittelindustrie. Warum ist der Kampf dagegen so schwer?
Ich glaube, das Hauptproblem ist, dass die Arbeiter, die ausgebeutet werden, vollkommen schutzlos und ausgeliefert sind. Sie sind Opfer, aber haben trotzdem kein Interesse auszusagen. Sie kommen aus armen Ländern und verstehen oft nicht die Sprache. Ohne die schlecht bezahlte und menschenunwürdige Arbeit auf den Gemüsefeldern verhungern sie. Außerdem riskieren sie, ausgewiesen zu werden, wenn sie zur Polizei gehen. Die Camorra beherrscht hier große Teile des Business rund um Landwirtschaft und die Lebensmittelindustrie. Aber viele »normale« Lebensmittelgeschäfte profitieren auch von dem günstigen Gemüse und fragen gar nicht nach den Arbeitsbedingungen der Arbeiter. Auch Politiker schauen manchmal weg, weil man die Landwirtschaft und Steuereinkünfte im eigenen Ort nicht aufs Spiel setzen will.

Warum haben die deutschen Behörden viel weniger Eingriffsbefugnisse als die italienischen, und sollte das nicht auf europäischer Ebene geändert werden?
Traditionell liegt es daran, dass Italien seit sehr langem ein Problem mit der Mafia hat und der italienische Gesetzgeber deshalb gezwungen war, weitgehende Ermittlungsbefugnisse für Polizei und Staatsanwaltschaft zu schaffen. In Deutschland hat es einfach länger gedauert, bis man eingesehen hat, dass die Mafia (von vielen verschiedenen Ländern) auch in Deutschland tätig ist. Seitdem hat auch der deutsche Gesetzgeber die Befugnisse in Ermittlungsverfahren bezüglich organisierter Kriminalität gestärkt. Auch die EU hat in den letzten Jahren mehrere Initiativen im Bereich der grenzüberschreitenden organisierten Kriminalität eingeleitet.

Warum spritzt man überhaupt Gift auf die Gemüsefelder? Und ist die Deklaration als »bio« eine einzige Lüge?
Illegale Pestizide werden benutzt, um die Pflanzen günstiger, effektiver und weniger zeitaufwendig gegen Ungeziefer zu schützen. Besonders Tomatenanbau ist sehr anfällig für verschiedene Pilze und Insekten. Die Verbrecher, die das machen, sind offensichtlich der Meinung, dass die verbotenen Chemikalien besser funktionieren als die umweltfreundlichen und nicht gesundheitsschädlichen Substanzen. Die Deklaration »bio« ist bei der Firma Ecolofruit in meinem Roman eine einzige Lüge, aber in der Wirklichkeit gibt es natürlich Gemüsebauern, die wirklich biologisch und gesetzestreu anbauen.

Wer behauptet, die negativen Folgen des Einsatzes von Chemikalien seien Fake News?
In meinem Roman lasse ich Pekka Joki, den finnischen Repräsentant bei Eurojust, das ironisch sagen. Er bezieht sich z.B.  auf die Menschen und Interessengruppen, die immer noch heute gegen Gesetze, die gefährliche Chemikalien verbieten, arbeiten. Oder Landwirte, die trotz Berichten über gesundheitliche Probleme illegale Pestizide auf den Gemüsefeldern rund um die Welt benutzen.

Sie beschreiben die Hindernisse bei der Aufklärung (S. 19), z. B. dass die Polizei und die Staatsanwaltschaften immer erst Ersuchen um Rechtshilfe einreichen und abwarten müssen, während sich die Kriminellen ungehindert in Europa bewegen können. Ist das mit der neuen europäischen Ermittlungsanordnung besser geworden?
Ja, das System mit der europäischen Ermittlungsanordnung ist viel effektiver und geschmeidiger als ein Antrag auf internationale Rechtshilfe in Strafsachen. Insofern hat der EU-Gesetzgeber den europäischen Behörden die grenzüberschreitende Arbeit einfacher gemacht. Aber nichtdestotrotz können Kriminelle sich viel schneller bewegen innerhalb der EU. Sie fahren einfach schnell über eine Grenze und die Behörden müssen zuerst die internationale Rechtslage klären.

Wie hat sich die Beziehung zwischen Esther Edh und Fabia entwickelt? Diese Beziehung zwischen Fabia und Esther ist nicht frei von Problemen, woran vor allem liegt das, und wirkt es sich auf ihre Zusammenarbeit aus?
Meine Hauptfiguren Esther Edh und Fabia Moretti sind sehr unterschiedlich sowohl als Menschen und als Staatsanwältinnen. Sie kommen von unterschiedlichen Rechtssystemen und Kulturen. Sie haben sehr verschiedenen Meinungen dazu, wie man in der Praxis ein Verbrechen ermittelt. Esther ist z.B. sehr vorsichtig und gesetzestreu, während Fabia als alte Antimafia Staatsanwältin ein bisschen »wild« improvisiert. Die beiden Frauen entwickeln aber mit der Zeit eine Freundschaft und lernen – auch außerhalb der Arbeit – viel voneinander.

Einer der Freunde des Opfers im vorigen Roman taucht wieder auf, Manfred Halvarsson spielt eine merkwürdige Rolle und versucht ständig, Esther Edh zu bedrängen – lösen Sie das im nächsten Band auf?
Der arme Manfred ist ja schwer verliebt und wird sich auch im dritten Buch irgendwie reinmogeln …

Der Mann in Stockholm, mit dem Esther Edh ein Verhältnis hat, scheint auf einem gefährlichen Weg zu sein. Werden Sie diesen Weg weiter verfolgen? Und wird auch das Schicksal Amirs wieder aufgegriffen werden?
Die gefährliche Liebesbeziehung zwischen Esther und Johnny wird weitergehen. Im dritten Buch wird es dann zum Knall kommen … Das Schicksal von Amir wird erstmal nicht aufgegriffen.

Sie verknüpfen auch in diesem Roman viele Fäden der nationalen und internationalen Kriminalität und ihrer Aufklärung auch mit privaten Schicksalen und des Problems der Ermittlerinnen. Wie schaffen Sie es dabei ganz praktisch während des Schreibprozesses, die Übersicht zu wahren und die einzelnen Erzählstränge zu verbinden? Haben Sie regelmäßige Schreibzeiten?
Ich schreibe konzentriert mehrere Stunden jeden Vormittag. Bevor ich überhaupt anfange zu schreiben, entwickle ich eine Synopsis über die gesamte Handlung. Die Struktur des Romans habe ich während des Schreibprozesses auf Post-it Zetteln auf einem großen Board. Das hilft mir, den Überblick zu behalten, sodass keine Erzählstränge verloren gehen.