Magie und Angst

Nicolas Zeimet im Interview mit Thekla Dannenberg

Der französische Autor Nicolas Zeimet über seinen Roman „Rückkehr nach Duncan’s Creek“, die achtziger Jahre, das Spiel mit den Genres und die Scharfsichtigkeit des Stephen King

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Du hast für Deinen Roman den Dora-Suarez-Preis 2018 erhalten, mit dem in Frankreich die dunkle Literatur ausgezeichnet wird. Glückwunsch dafür! Ist denn „Rückkehr nach „Duncan’s Creek“ überhaupt ein Noir? In ihm stecken so viele Genres.

Ich glaube schon, dass „Rückkehr nach Duncan’s Creek“ ein Noir ist, aber natürlich nicht nur. Die Passagen, die von der Kindheit meiner Figuren handeln, sind nicht unbedingt dramatisch, einen Großteil ihrer Erinnerungen habe ich glücklichen Momenten gewidmet. Aber der Hauptstrang bleibt düster, auch ihr Schicksal.

Du schreibst sehr filmisch. Im Hintergrund zieht die Landschaft des Westens vorüber: Kalifornien, Arizona, Nevada, Utah. Ist der Roman nicht eigentlich ein Roadmovie?

Es gibt in diesem Roman eine sehr lichte Dimension, die der bedrückenden Stimmung etwas entgegensetzt. Die hoffnungsvollen Momente scheinen auch während des Roadtrips durch den amerikanischen Westen durch. Ich wollte filmische Beschreibungen, um den Leser besser in diese Umgebung eintauchen zu lassen.

Der Schriftsteller Jake Dickinson kehrt von Los Angeles in den Ort seiner Kindheit zurück, nach Duncan’s Creek, zurück in seine Vergangenheit. Er muss mehrere Bundesstaaten durchqueren, aber auch Jahrzehnte seines Lebens. Die Atmosphäre hat etwas Melancholisches. Das ist nicht unbedingt typisch für den amerikanischen Westen, oder?

Im Gegenteil! Ich glaube, dass man die Melancholie sehr oft in der Kultur des amerikanischen Westens findet. Nimm nur die Country-Musik, das sind meist traurige Lieder. Ich habe sie beim Schreiben viel gehört.

„Rückkehr nach Duncan’s Creek“ verbindet sehr intensiv Bewegung und Gefühl, aber auch etliche andere Motive: Freundschaft, dunkle Geheimnisse, unerwiderte Liebe. Was war Dir besonders wichtig?

Die Geschichte rankt tatsächlich um eine Vielzahl von Themen, keines funktioniert ohne das andere. Aber wenn ich eines herausgreifen müsste, dann wäre es wohl die Freundschaft. Denn sie verknüpft das Schicksal meiner Figuren. Das Drama, das in der Mitte des Romans über die drei hereinbricht, verbindet sie zunächst, erst später wird es sie trennen. Man kann ein solches Ereignis nicht unbeschadet überstehen, schon gar nicht in diesem Alter. Aber klar, jeder erlebt die Folgen dieses Dramas auf seine Weise, und das wird ihre Freundschaft sprengen.

Vor allem Sam ist eine sehr starke, charismatische Figur. Wie bist Du auf sie gekommen?

Weibliche Figuren sind mir immer besonders wichtig, sowohl beim Lesen als auch bei meinem eigenen Schreiben. In „Seuls les vautours“, dem Vorgängerroman von „Rückkehr nach Duncan’s Creek“, ist Sam bereits eine sehr starke Figur, hin und her gerissen zwischen ihrer dunkle Seite und den helleren Aspekten ihrer Persönlichkeit. Man weiß nie, auf welchem Fuß man mit ihr tanzen soll. Und Jake muss sich – wie der Leser – immer vor dem fürchten, was als nächstes kommt. Ich habe mich davon tragen lassen, dass Sams Emotionen im Laufe der Seiten und der Jahre intensiver werden.

Die drei jungen Menschen erleben einen entsetzlichen Halloween-Abend, einen nahezu unerträglichen Horror. Aber dieser Horror ist nicht übernatürlich, sondern sehr real.

Ich liebe die fantastische Literatur, seit ich zum ersten Mal Stephen King gelesen habe. Und ich liebe es, verschiedene Genres miteinander zu verschmelzen. King schafft es perfekt, Reales und Fiktives zu verbinden. Der Großteil seiner Geschichte spielt nicht in imaginären Welten, sondern in unserer Welt, in die das Außergewöhnliche einbricht. Das wollte ich auch mit dieser Geschichte versuchen. Es gibt nichts Übernatürliches in „Rückkehr nach Duncan’s Creek“, aber indem ich die Ereignisse an Halloween stattfinden lasse, mit allem, was das an Magie und Angst mit sich bringt, konnte ich ein wenig mit dem Genre spielen.

Warum lässt Du den Roman in Amerika spielen?

Ich habe eine besondere, intime Beziehung zu den Vereinigten Staaten. Ich bin in den achtziger Jahren großgeworden und habe praktisch in der amerikanischen Kultur gebadet, egal ob in Literatur, Kino, Serien oder Musik. In den Neunzigern habe ich die USA dann selbst entdeckt, aber selbst bei meiner ersten Reise hatte ich den Eindruck, ich werde in ein Universum versetzt, das ich bereits kenne. Heute, glaube ich, ist mein Blick kritischer als früher. Aber dieses Land wird mir immer wichtig bleiben.

Ist die Geschichte von Sam, Jake und Ben eine amerikanische Geschichte? Oder hätte sie auch in Frankreich funktioniert?

Meine Figuren sind schon so, wie ich mir junge Amerikaner vorstelle, aber sie tragen in sich bestimmt ein gewisses Maß an europäischer Sensibilität. Aber ja, ihre Geschichte hätte auch in Frankreich spielen können. Der Rahmen ergab sich einfach aus meiner Lust, über das Land zu schreiben, das ich gern mag.

Was hat denn Dein Bild von Amerika geprägt?

Das Reisen. Die Idee zu „Seuls des vautours“ ist mir während eines Roadtrips durch den amerikanischen Westen gekommen, und ich bin auch dorthin zurückgekehrt, um die Fortsetzung zu schreiben. Und wie gesagt, ich habe von Jugend an amerikanische Kultur aufgesogen. Die Filme von Steven Spielberg zum Beispiel. Aber der Autor, der wirklich mein Bild von Amerika geprägt hat, ist Stephen King. Ich halte ihn auch heute noch für den Schriftsteller mit dem schärfsten Blick auf die Vereinigten Staaten.

Die Musik ist sehr wichtig in dem Roman. Ist sie der Soundtrack?

Ich mag es, mit dem Schreiben einen Soundtrack zu kreieren, „Rückkehr nach Duncan’s Creek“ macht da keine Ausnahme. Wie Jake bin ich selbst zu den Klassikern des Countrys gereist, aber ich habe auch viel Musik der achtziger und neunziger Jahre gehört. Und Filmmusik, ich mag John Williams wirklich gern.

Im Roman spricht Jake von den „miesen Achtzigern“. Falco sagte: Wer sich an die achtziger Jahre erinnert, hat sie nicht erlebt. Das gilt nicht für Dich?

Aber nein. Die Achtziger verlassen mich nicht, sie gehören zu mir. Es vergeht nicht ein Tag, an dem ich nicht Musik aus dieser Zeit höre, einen Film sehe oder ein Buch lese. Ich bin 1977 geboren und mein ganzer kultureller Kosmos gründet auf dieser Dekade.

Du hast schon eine Reihe von Romanen geschrieben, „Rückkehr nach Duncan’s Creek“ ist nur der erste Roman, der ins Deutsche übersetzt wurde. Wie bist Du an diesen Punkt des Schreibens gekommen? Was treibt Dich an?

Dass meine Romane jetzt in Deutschland erscheinen, ist den vereinten Anstrengungen meines französischen Verlegers Jimmy Gallier und seinem Agenten Pierre Astier zu verdanken. Ich bin sehr froh darüber. Meine Großmutter väterlicherseits war Deutsche. Zum Schreiben bringt mich eigentlich meine große Lust zu lesen. Solange ich mich erinnern kann, hatte ich immer ein Buch in der Hand. Irgendwann sagte ich mir, dass ich auch das auch gern an andere weitergeben möchte: Reisen, träumen, erschauern.