Leseprobe: Nicolas Zeimet „Rückkehr nach Duncan’s Creek“

 

©Christoph Kretschmer / Adobe Stock

Kalifornien

Heute

Auf dem Cienega Boulevard in Richtung Norden herrschte starker Verkehr. Gleichgültig für die Landschaft, die an beiden Seiten der dreispurigen Straße vorbeizog, schloss ich die getönte Scheibe meines Mietwagens, um mich vor dem reflektierenden Metall und Glas, dem Dieselgestank und dem blendenden Funkeln der Zierleisten und Radkappen zu schützen. Die schleppende Stimme von Rufus Wainwright drang leise aus den Lautsprechern, konnte aber die Spannung nicht beseitigen, die mir den Nacken und die Schultern steif werden ließ.

Ich ließ die Zunge über einen meiner Vorderzähne gleiten und stellte mir in einem vergeblichen Versuch, mich zu beruhigen, vor, wie unser Wiedersehen aussehen würde. Wahrscheinlich eher peinlich als euphorisch. Ein Gefühl des Déjà-vu. Zurückhaltung, vielleicht auch schon Unbehagen. Eine Erinnerung an unsere letzte Begegnung. Dann würden Umarmungen kommen. Und natürlich das Schuldgefühl.

Ich fuhr Schritttempo und ließ den Blick in die Ferne schweifen. Das dunstige Licht, das Los Angeles einhüllte, sand- und sonnenfarben, hatte diese besondere Beschaffenheit, die Lust machte, es mit vollen Händen zu ergreifen. Der GPS-Screen kündigte mir eine Fahrt von siebzehn Minuten bis zu meinem Ziel an. Siebzehn Minuten, nach über acht Jahren, in denen wir uns nicht gesehen hatten.

Als sie am Vortag angerufen hatte, stellte ich keine Fragen. Sie hatte sich darauf beschränkt, mir eine Adresse zu geben, mit dieser heiseren und schleppenden Stimme, die ich seit einem letzten Auf Wiedersehen auf dem staubigen Parkplatz einer Bar mitten in der Wüste nicht mehr gehört hatte. Flucht war zu ihrem Markenzeichen geworden, das Aus-den-Augen-verlieren zu unserem Alltag. Mein Flugticket war innerhalb einer Viertelstunde reserviert worden.

Ich habe oft an unsere Jugend gedacht, an ihr Kommen und Gehen in meinem Leben. Sie ging fort, kam wieder, ohne Erklärungen und ohne Vorwarnung. Ließ mich mit meinen Fragen allein. Wo war sie? Wen traf sie? Führte sie schließlich ein Leben, das sie sich erträumt hatte? All diese Fragen, ich weiß nicht, ob ich sie in ihrer Anwesenheit hätte stellen können.

Ein Hupen ließ mich hochschrecken. Die Ampel an der Kreuzung war auf Grün gesprungen. Langsam ließ ich die Bremse los.

Die Verkehrslage entspannte sich allmählich. Auf karge, mit Bohrtürmen übersäte Flächen folgten abwechselnd Wohn- und Gewerbegebiete. Einige funkelnde Punkte begannen, die Dämmerung zu durchdringen. Weiter vorn zeigten die Hollywood Hills ihre zerklüfteten Konturen vor einem mit violetten Wolken gesprenkelten Horizont. Hoch aufragende Palmen, glänzender Asphalt, Neonlicht und Smog: Das war nicht meine Welt.

Meine Gedanken kehrten zu ihr zurück. Wie würde sie mich empfangen? Wie würden ihre ersten Worte lauten? Und meine? Früher gefiel ich mir darin zu glauben, dass ich das kleinste Detail des Szenarios im Voraus kannte. Das galt heute nicht mehr. Heute machte es mich nervös, eine Entscheidung zu treffen, denn schon die Vorstellung, mich falsch zu entscheiden, erfüllte mich mit Entsetzen. An das Restliche – meine Überempfindlichkeit, die Angst vor dem anderen, meine ewige Einsamkeit – hatte ich mich gewöhnt.

Ich schluckte den Kloß hinunter, der mir im Hals steckte. Meine Eingeweide schienen aus Blei zu sein. Dreißig Jahre der Freundschaft, und sie wiederzusehen, entsetzte mich noch immer. Die Zeit ist ein schleichender Verfall. Sie nimmt einem alles, die Jugend, die Unschuld, die Unbesorgtheit. Die Hoffnung. Alles, was sie einem lässt, sind Erinnerungen. Wenn es auf dieser Welt eine unbestreitbarere Realität gibt, bin ich ein Mönch. Oder Autor von Jugendromanen.

Wir waren damals fünfzehn Jahre alt, und die Zeit verging wie ein endloser Weg unter unseren Füßen. Doch irgendetwas hatte uns auf diesem Weg anhalten lassen. Das war nicht in Etappen gekommen wie diese Wogen, die nach und nach den Strand abtragen, sondern eher in Form einer Grundströmung, die uns erfasste, ohne dass irgendetwas sie aufhalten konnte. Und uns schockiert zurückließ.

»Sie erreichen Ihr Ziel in zweihundert Metern auf der linken Seite«, informierte mich die monotone Stimme des Navigationssystems.

Reflexartig trat ich auf die Bremse. Ich war schneller angekommen als gedacht. Ich fuhr auf die linke Spur und überquerte den Santa Monica Boulevard. Die Einfahrt des Motels lag direkt neben dem Kabinett eines Wahrsagers. Handlesen, Tarot, Karten verkündete das Schaufenster. Mit zugeschnürtem Magen wartete ich, bis die Gegenspur frei war, und überquerte vorsichtig den doppelten gelben Mittelstreifen, um auf den Parkplatz zu gelangen.

»Sie haben Ihr Ziel erreicht.«

Nachdem ich das Pfeifen des GPS ausgestellt hatte, parkte ich den Wagen vor der Tür von Zimmer 16. Der Hof war eng und dunkel, die Wände hätten einen frischen Farbanstrich verdient. Ich erkannte den Chevrolet Nova von 1969, der etwas weiter hinten stand. Eingebrannt in seine Windschutzscheibe, verwandelte sich die Farbe des Himmels von Orange in Schwarz, wie ein Echo auf die Gedanken, die mich heimsuchten. Meine Vergangenheit verdunkelte meine Zukunft, verschloss sie hermetisch für jegliches Licht, und in meinem tiefsten Inneren fühlte ich, dass sie sich erneut bereit machte, mir ins Gesicht zu springen.

Ich musterte die grünen Türen in der ersten Etage, suchte nach der 32. Während ich den Motor abstellte, biss ich mir in die Innenseite der Wange. Mein Spiegelbild im heruntergeklappten Rückspiegel sah fürchterlich aus. Mit den Handflächen rieb ich mir über die Wangenknochen, um ihnen einen Hauch von Glanz zu verleihen, und überlegte, was ich sagen sollte. Nach all dieser Zeit befürchtete ich noch immer, keine Worte zu finden.

Meine Überlegungen hingen weiterhin fest, als ich die Treppe zur ersten Etage hochstieg. Vor der Tür von Zimmer 32 atmete ich tief durch und klopfte – drei kleine, diskrete, fast zögerliche Schläge. »Sam?« Meine Stimme hatte geklungen wie ein dumpfer Atemzug, der den Mund verließ. Ich räusperte mich. »Ich bin’s, Sam. Mach auf.« Keine Antwort. Ich klopfte erneut. »Ich bin’s, Sam. Jake.«