Kapitel 8

In der Nähe von Neapel, 14. August 2017

 

©Christoph Kretschmer/Adobe Stock

Nach knapp zwei Stunden hatte er sein Ziel erreicht. Bislang war alles nach Plan gelaufen. An drei Plantagen hatte er versucht, anzuheuern, doch sie brauchten niemanden. Am letzten Hof hatte ihn ein Mann, der in der Einfahrt stand und Holz hackte, äußerst harsch abgewiesen. Auch wenn Tommaso nicht ganz sicher war, ob der Mann ihn überhaupt verstanden hatte, das Wedeln mit der Axt deutete er als klares Nein.
Die Ländereien, die zu Ecolofruit gehörten, lagen etwas abseits und fast eine Stunde Fußweg von den anderen Plantagen entfernt. Als Tommaso sich näherte, war kein Mensch in Sicht. Neben der Landstraße verlief ein hoher, brauner Zaun, der oben mit spitzem Stacheldraht gesichert war. Etwa zweihundert Meter weiter sah Tommaso ein recht heruntergekommenes, großes Haupthaus, daneben ein kleineres, auf dem seitlich das weiße Logo der Firma angebracht war. Einige Buchstaben waren kaum noch lesbar. Das Tor vor dem Gelände war offenbar elektrisch, doch gerade stand es offen.
Tommaso ging hinein und sah sich verstohlen um. Er versuchte, sich alles ganz genau einzuprägen. Überall lagen Müll und Gartenabfälle herum. Neben den Gebäuden stand ein unbrauchbarer Traktor, alle Reifen waren platt.
Aber erst wollte er sich vergewissern, ob nicht doch jemand zu Hause war. War es möglich, dass der Betrieb gar nicht mehr existierte? Dann wäre sein Auftrag hier und jetzt beendet. Ehe er feststellen konnte, ob das in ihm ein Gefühl von Erleichterung oder Enttäuschung auslöste, hörte er ein heiseres Kläffen, und drei riesige Rottweiler kamen ums Haus gejagt. Sie kreisten ihn ein, die Mäuler weit aufgerissen, und Tommaso war wie gelähmt vor Schreck. Er vermied den Augenkontakt zu dem Hund, der sich seiner linken Hand gefährlich näherte.
»AUS! RUHE!«
Der Befehl schien von der anderen Seite des Hauses zu kommen, und die Hunde wurden unverzüglich still.
»PLATZ!«
Wie in Trance gehorchten die Tiere und ließen sich rund um Tommaso Grillo nieder, die geschmeidigen Körper jedoch nach wie vor angespannt. Der größte Hund knurrte immer noch und fletschte die Zähne, doch als ein Mann in dunkler Kleidung um die Ecke kam, begann er zu winseln.
»AUS, BASTARDO!«
Inzwischen tropfte Tommaso der Schweiß von der Stirn. In seinen Augen brannte es wie Feuer, er blinzelte verzweifelt. Der Mann in olivfarbenem Hemd und kurzen, braunen Shorts war etwa Mitte dreißig. Trotz der enormen Hitze trug er derbe Stiefel.
»WAS? WILLST? DU?«
Der Mann stellte sich hinter einen Hund, der ihm bei der Gelegenheit das Schienbein ableckte. Zur Belohnung versetzte er dem Tier einen so kräftigen Schlag auf die Schnauze, dass es wimmerte.
»Ich suche Arbeit. Hab gehört, hier gibts Jobs.«
»WER HAT DAS GESAGT?«
»Was?« Tommaso Grillo fiel es schwer, sich auf das Gespräch zu konzentrieren, während die Hunde so dicht vor ihm saßen. »Könnten Sie bitte die Hunde …«
»WER HAT GESAGT, DASS DU HIER ARBEITEN KANNST?«, brüllte der Mann.
»Äh … ich weiß nicht, niemand Besonderes. Aber ich habe auf den anderen Höfen gehört, dass Sie vielleicht noch Arbeiter suchen.«
»Nein.«
»Bitte, ich brauche dringend Arbeit. Ganz egal was.«
»RUHE! BASTARDO!« Jetzt trat der Mann seinen Hund, als der aufstehen wollte.
»Nein«, rief er noch einmal, dann wies er deutlich zum Tor und machte drohend einen Schritt auf ihn zu. »Wir haben genügend Leute. Verschwinde!«
Tommaso Grillo musste all seinen Mut aufbringen, um nicht von der Stelle zu weichen. Er schluckte und suchte händeringend nach irgendeinem Argument.
»Benito, basta cosi!« Ein älterer Mann in gelbem T-Shirt und Latzhose erschien in der Tür. »Jetzt reicht’s. Schaff die Hunde weg! Ich kümmere mich um ihn.«
Auf diese Anweisung reagierte der Jüngere genauso prompt, wie eben noch die Hunde seinem Befehl gefolgt waren. Er machte kehrt und pfiff durchdringend, die Hunde erhoben sich und folgten ihm anstandslos.
Tommaso Grillo streckte seine schwitzige Hand aus.
»Tommaso Sena. Ich suche Arbeit. Ganz egal was.«
»Tacchino«, erwiderte der Mann, doch ignorierte Tommasos Hand. »Wir haben nichts für dich. Hast ja gehört, was mein Sohn gesagt hat. Morgen vielleicht. Frag noch mal nach.«
Dann drehte er um und wollte zurück ins Haus.
»Warten Sie! Signor Tacchino, ich bin schon stundenlang gelaufen, ich kann nicht einfach zurück. Wo soll ich denn hin?«
Der alte Mann hatte ihm schon den knochigen Rücken zugewandt.
Ob er mich nicht verstanden hat?, dachte Tommaso und rief noch einmal lauter. »Ich brauche Geld. Mein Vater ist vor Kurzem gestorben, und meine Mutter, sie kommt aus Rumänien und findet keine Arbeit …«
Seine Worte gingen im Motorenlärm eines metallic roten Landrovers unter, der auf den Hof gebrettert kam und anhielt. Ein Mann sprang heraus, etwa Mitte dreißig, kurz geraspeltes, braunes Haar, eine brennende Zigarette im Mundwinkel.
»Ciao, Mario. Kümmere du dich um das Zigeunerpack!«, wies ihn der alte Mann an, dann verschwand er wieder im Haus und knallte die Tür hinter sich zu.
Tommaso Grillo strich sich das schweißnasse Haar aus der Stirn und lief zu dem Wagen. »Tommaso Sena. Ich suche Arbeit«, erklärte er nun zum dritten Mal.
»Mario«, antwortete der Mann. Er begrüßte ihn mit festem Handschlag und griff dann nach seinem schwarzen iPhone, das an einer Goldkette auf dem weißen Unterhemd baumelte. »Heute haben wir nichts für dich«, sagte er leise, während er das Display überflog.
»Aber ich komme aus Mailand und bin schon stundenlang gelaufen. Ich weiß echt nicht, wohin.« Tommasos Stimme erlosch. Er fand selbst, dass er wirklich verzweifelt klang. Und er war auch verzweifelt, denn er wusste nicht, was er machen sollte, wenn sie ihn abwiesen.
»Was hat denn signor Tacchino gesagt?«
»Na ja …« Tommaso zögerte. »Viel haben wir nicht gesprochen, aber er schien ganz positiv. Ich glaube, er wollte, dass Sie die Sache in die Hand nehmen.«
Er verstummte, als Mario das Smartphone wieder losließ und ihn mit einem amüsierten Grinsen musterte.
»Italiener?«
»Ja, halb Italiener, halb Rumäne. Aber ich bin in Italien aufgewachsen und …«
»Also Zigeuner«, fiel Mario ihm ins Wort und warf seine qualmende Kippe sorglos auf den knochentrockenen Boden. »Und warum kommst du von Mailand hier runter? Da in der Nähe gibts doch auch Arbeit. Ärger mit der Polizei?«
»Nein, wie gesagt, mein Vater ist gestorben, und ich habe den Job verloren. Das heißt, das war schon vorher, aber dann …«