»I wanted her to be a pit bull«

von Kirsten Reimers

 

»›Nikki.‹

Sie krümmt ihre Zehen. (…)

›Nikki.‹

(…) ›Nikki.‹«

 

Patronenhülsen im Sand
© Max Soklov / Adobe Stock

Katherine Faws Roman Junge Göttin/Young God beginnt mit der dreimaligen Anrufung Nikkis, und er endet mit einer solchen. Das setzt den Rahmen und spannt das Bedeutungsnetz: Es erinnert an die Anrufung altgriechischer Göttinnen – in diesem Fall: Nike, die Siegesgöttin, oder Persephone, die Göttin des Todes und der Unterwelt.

Bei Katherine Faw ist die Göttin ein dreizehnjähriges Mädchen. In einem Interview mit dem Magazin Granta sagte die Autorin: »I wanted her to be a pit bull«, und genau das ist ihr gelungen. Nikki wächst unter den denkbar schlechtesten Bedingungen in den Appalachen im Nordwesten von North Carolina auf: von ihrer Familie ins Heim abgeschoben, von dort zurück zur Familie ausgerissen, nirgendwo willkommen, konfrontiert mit Armut, Drogen, Prostitution, Missbrauch, Pädophilie. Sie wächst in einer Umgebung auf, in der Frauen nichts zählen, in der sie kaum mehr als Dinge sind, die von Männern gevögelt, gestohlen oder verkauft werden. Eine Zukunft hat in diesen Trailerparks am Rande der Gesellschaft niemand. Zum Überleben bleibt den Männern, Zuhälter zu werden oder Drogen zu verkaufen. Den Frauen bleibt nichts, als sich selbst zu verkaufen.

Nikki ist umgeben von Frauen, die sich in diese Opferrolle hineingefunden haben, die sich für Männer begehrenswert machen, sexy Kleidung und Highheels tragen, denn nur wenn sie begehrenswert sind, sind sie für eine Weile geschützt. Sex gegen Schutz lautet das ordnende Prinzip. In dieser Welt versucht Nikki, ihren Platz zu finden. Nach dem Tod ihrer Mutter – war es Unfall oder Selbstmord? – hat sie Sex mit deren Freund, um nicht zurück ins Heim zu müssen. Als dieser sich ein anderes Mädchen sucht, flüchtet Nikki zu ihrem Vater Coy, den sie ebenso bewundert wie fürchtet.

Auch hier probiert Nikki aus, welche Rolle zu ihr passen könnte. Mit Angel, dem minderjährigen Mädchen, das Coy vögelt und zur Prostitution zwingt, verbindet Nikki eine schwierige Freundschaft: Von ihr lernt sie, sich zu schminken und sich begehrenswert zu machen, auf Highheels zu gehen, von Angel erfährt sie, wie Sex auch sein kann – während sie gleichzeitig das Mädchen dafür verachtet, dass es von Coy für Sex verkauft wird, eine Verdrehung der Täter-Opfer-Verhältnisse. Zudem ist Nikki hoch kompetitiv, es ist ihr sehr wichtig, dass sie hübscher ist als alle anderen Mädchen. Auch zu Levi, ihrem Cousin – zweiten Grades, wie Nikki insistiert, bloß nicht zu nah kommen soll er – ist ihr Verhältnis alles andere als einfach. Nikki nimmt es ihm übel, dass er bei der Familie aufwachsen konnte – so verwahrlost und einsam sich dies auch für uns Leser*innen darstellen mag –, während sie ins Heim geschickt wurde, eine Verletzung, die sie nicht verwunden hat.

Äußerst vielschichtig auch die Beziehung zum Vater: Für Nikki ist er ein Held, früher mal der größte Koksdealer des Countys, darauf ist sie stolz. Dass er jetzt Zuhälter ist, enttäuscht sie: »Alles, was du machst, ist die ganze Nacht auf Parkplätzen zu sitzen.« Wie komplex das Verhältnis zwischen den beiden ist, zeigt sich unter anderem daran, dass Coy daraufhin losfährt, um einem anderen Zuhälter das Gesicht zu zerschneiden, um seiner Tochter zu beweisen, dass er es immer noch drauf hat.

Verletzlich, wie Nikki ist, identifiziert sie sich zunächst mit ihrem Vater, in der Hoffnung, dass auch sie so an Stärke gewinnt. Sie passt sich ihm bis in die Mimik hinein an – diese seltsame Sache, die sie beide mit dem Mund machen. Um ihm zu gefallen, um seine Anerkennung zu erhalten, disst sie Angel, spritzt sich Heroin, statt es zu schnupfen – schließlich sagt Coy seinen Kunden immer, dass das viel besser kickt –, und sie führt ihm Renee als weitere Prostituierte zu; dies allerdings auch, um nicht selbst als vermeintliche Jungfrau an den Meistbietenden verkauft zu werden. Sie hilft ihm, Renees Leiche zu entsorgen und bietet sich ihm schließlich sogar selbst für Sex an. Ihre Hyperanpassung bringt ihr jedoch keine Anerkennung oder gar Liebe ein. Aber immerhin lernt sie zu schießen, zu dealen und andere zu überfallen. Erst als sie erkennt, wie erbärmlich und schwach Coy im Grunde ist, beginnt ihre Ablösung von ihm: Sie tauscht die Highheels gegen derbe Stiefel.

Junge Göttin/Young God ist der Debütroman von Katherine Faw. Für Jeva Lange vom Vice Magazine ist er der vielleicht provokanteste Erstlingsroman des Jahres 2014. Er wurde mehrfach ausgezeichnet, ebenso auch Faws zweiter Roman Ultraluminous von 2017. Wie Nikki stammt Katherine Faw aus dem Nordwesten North Carolinas und hat – wie sie im Interview mit Vice erklärte – in ihrer Jugend sämtliche Drogen ausprobiert, die auch Nikki nimmt, doch endet dort die biografische Ähnlichkeit. Katherine Faw stammt aus einer Mittelschichtsfamilie und hat weder je gedealt noch einen Menschen getötet. Sobald es ihr möglich war, verließ sie North Carolina, um in New York zu studieren: zunächst ein Jahr lang Film, bis sie wechselte und schließlich die Columbia University mit dem Master of Fine Arts abschloss.

Junge Göttin/Young Gods wurde von der Kritik mit vielem verglichen: Manche erinnerte es an die frühen Short Storys von Joy Williams, an den frühen Bret Easton Ellis oder an Denis Johnson. Das Buch wurde als Country Noir, Southern Noir oder Psychobilly Fiction eingeordnet. Faw selbst sieht sich eher beeinflusst von Southern Gothic, jener Literatur, die Armut, Gewalt, Rassismus, Misogynie und Drogenkriminalität im Süden der USA ungeschönt thematisiert. Oftmals wurde Ree Dolly aus Winter’s Bone von Daniel Woodrell Nikki an die Seite gestellt, doch eher ähnelt sie Fay, der Hauptfigur aus dem gleichnamigen Roman von Larry Brown, eines weiteren Vertreters der Southern Gothic. Fay wie Nikki begegnen der Welt mit einer – zunächst – naiven Neugier und verweigern sich einer Opferhaltung, allen schlechten Startbedingungen zum Trotz. Nikki geht darin allerdings wesentlich weiter als Fay, und vor allem besitzt sie nicht deren Unschuld: Nikki ist selbstsüchtig, ehrgeizig und manipulativ.

Und genau darum geht es Katherine Faw: Sie wollte eine Geschichte schreiben, in der das Mädchen nicht das Opfer ist. Um dem Nachdruck zu verleihen, hat sie eine Dreizehnjährige in den Mittelpunkt gestellt. Dreizehn ist das Alter, in dem noch alles möglich ist: Kein Kind mehr, noch nicht erwachsen, mit beginnendem Interesse an Sex und allem was damit zusammenhängt, befinden sich Mädchen in einer Übergangszeit, einer Zeit der Verwandlung.

Nikki probiert verschiedene Rollen: Sie setzt ihren Körper ein, um zu erreichen, was sie will, sie übernimmt männliche Verhaltensweisen, um sich zu behaupten, sie stürzt sich in Wagnisse, ohne an die eigene Sterblichkeit zu denken. Sie ist wild und egozentrisch und gleichzeitig unsicher und äußerst verletzlich.

Wie Katherine Faw erzählt, war sie beim Schreiben beeinflusst und beeindruckt vom deutschen Film Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo von 1981. Dass Nikki sich die Haare rosa färbt, ist eine Hommage an dessen Hauptfigur. Der Titel des Buches stammt von dem sehr düsteren Stück »Young God« der US-Band Swans. Katherine Faw erklärte in einer E-Mail mit Details für dieses Nachwort, sie selbst möge »Young God« von Swans gar nicht mal so sehr, aber sie könne sich gut vorstellen, dass Nikki darauf abfährt. Faw hat den Titel vor allem wegen der Assoziationen gewählt, die er weckt: Eine junge Göttin besitzt noch nicht die Abgeklärtheit des Alters, sondern agiert so impulsiv, gnadenlos, rücksichtslos wie alle Teenager, während sie gleichzeitig über eine ungeheure Machtfülle verfügt.

Rund fünf Jahre hat Faw an Junge Göttin/Young God gearbeitet, lange Zeit war sie unzufrieden mit dem Text, bis sie anfing, ihn zu kürzen: Innerhalb von sechs Monaten dünnte sie ihn von mehr als 100.000 Wörter auf rund 22.000 Wörter (in der englischen Originalausgabe) aus. Damit warf sie allen Ballast ab, der einhergeht mit der Idee eines Romans, der im bürgerlichen Realismus des 19. Jahrhunderts wurzelt. Was übrig bleibt, sind messerscharfe Konturen und viel leerer Raum. Junge Göttin/Young God hat dadurch eine außerordentliche Präzision und Präsenz, eine Herausforderung für die Übersetzung, die Alf Mayer souverän bewältigt hat. Faws Sprache ist äußerst knapp, kein Wort zu viel, keines zu wenig: Klingt sie anfangs noch etwas naiv und kindlich – wie es die dreizehnjährige Nikki zu Beginn nun einmal ist –, wird sie im Laufe der wenigen Seiten immer härter und karger, ohne allerdings je lakonisch zu sein: Unter der Oberfläche vibrieren Angst und Wut, schwelen Aggressionen. Durch die hohe Konzentration und Verdichtung entwickelt der Roman eine Wucht, die lange nachwirkt.

Die fast leeren Seiten, auf denen sich manchmal nur wenige Worte befinden, hat die amerikanische Kritikerin Naomi Huffman mit einer Leinwand verglichen, auf der wir Leser*innen unsere eigenen Albträume projizieren. Verstörend und beängstigend ist die Wirkung dieser Leere, viel lauter als jedes Schreien. Katherine Faw vertraut ganz auf knappe Dialoge, sie psychologisiert nicht, sie erklärt nichts. Stattdessen schreibt sie szenisch, fast filmisch, lässt die Ebenen miteinander verschmelzen, so dass nicht immer klar ist, wo ein Albtraum oder Drogenrausch beginnt oder endet.

Die strenge Struktur, die Faw wählt, hilft, die Geschichte konsistent zu halten. Sie erinnert an die klassische griechische Tragödie mit ihren fünf Akten; Levi fungiert dabei als Chor: Obwohl er so jung ist, ist er Nikkis ferner Begleiter und Mahner. Doch am Ende des Dramas steht nicht Katastrophe oder Katharsis, sondern die Apotheose: Nikkis Aufstieg zur Göttin. Doch ihre Insignien sind weder Lyra oder Siegeskranz, die mit Nike assoziiert sind, noch die Kornähre oder der Granatapfel der Persephone. Ihr Herrschaftszeichen ist die Axt. Nikki ist eine rächende, erbarmungslose Göttin: Den harmlosen Levi reißt sie aus seinem unschuldigen Leben heraus und zwingt ihn in ihre Welt des Verbrechens hinein, indem sie ihn zum Handlanger macht, genauso wie es ihr Vater mit ihr getan hat.

Junge Göttin/Young God ist die Geschichte einer Selbstermächtigung, die Geschichte einer jungen Frau, die sich nicht zum Opfer machen lässt, die sich aus Rollenzuschreibungen löst und einer toxischen Männlichkeit mit Macht die Stirn bietet. Sie überwindet den Vater, indem sie ihn aus dem Weg räumt, und tritt sein Erbe an – erst jetzt wird sie mit vollem Namen, mit seinem Nachnamen genannt. Ob sie die männlichen Muster übernimmt oder ihnen etwas Eigenes entgegensetzt, erfahren wir nicht, wir wissen nur: Jetzt beginnt ihre Zeit.

»Dies ist die Zukunft.

NIKKI HAWKINS schwingt die Axt.«