Der Verlust und das Unbekannte

Ein Nachwort von Anthony J. Quinn

©Max Soklov / Adobe Stock

Für mich führen die besten Handlungsorte eines Kriminalromans den Leser in die Innenwelten von Ermittlern und Verdächtigen, zu verborgenen Motiven und dunklen Instinkten, zu Erlösung, Sexualität und Tod. In meinen bevorzugten imaginären Landschaften bricht immer gerade die Dämmerung an. Und wenn die Dramaturgie – die Auflösung des Rätsels – den Lesern eine Versöhnung mit dieser Finsternis und der ihr innewohnenden Unordnung anbietet, dann sollte der Handlungsort dennoch stets einen Hauch von etwas Furchtbarem und Unbekanntem behalten. Ich bin überzeugt, dass ein Kriminalroman erst dann interessant wird, wenn es eine lebendig ausgeformte Landschaft gibt, in der sich Ermittler, Verdächtige und Bösewicht bewegen und sich ihre Dramen abspielen können. Meine literarischen Helden sind nicht die Schriftsteller oder ihre Detektive, sondern Landschaften und Räume. Landschaften erschaffen Welten, sie sind das Fundament und die Hauptquelle von Literatur. Sie erst verleihen den Leben unvollkommener oder zum Scheitern verurteilter Figuren Farbe, Stimmung und Spannung, und was könnte heldenhafter sein als das?

Seit einiger Zeit sind Landschaften und Räume in der Kriminalliteratur aus der Mode gekommen – auf Kosten von Figuren und Handlung. Ohne ein ausgeprägtes Gefühl für den Raum ist die Entwicklung von Spannung und lebendigen Figuren sehr schwierig. Wenn Krimiautoren den Handlungsort aus dem Blick verlieren, werden nicht nur ihre fiktiven Welten kleiner, sondern auch die Innenwelten ihrer Detektive und Schurken. Für mich gehören innere und äußere Landschaft zusammen, sie verstärken sich gegenseitig und spiegeln sich wider.

Geografisch und von meinem Naturell her sprechen mich die melancholischen Landschaften des Tartan Noir besonders an, einer für Schottland und schottische Autoren typischen Form des Kriminalromans, die ihre Wurzeln in Gothic Novels (»Schauerromanen«) wie James Hoggs Die privaten Memoiren und Bekenntnisse eines gerechtfertigten Sünders und Robert Louis Stevensons Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde hat, aber auch stark von moderneren Autoren wie denen des amerikanischen Hard-boiled-Genres beeinflusst wurde. Manchmal ist es schwierig zu bestimmen, warum und wie eine bestimmte Literaturrichtung oder eine Gruppe von Schriftstellern ihre gemeinsame Wirkung erzielt. Ich habe Romane von einer breiten Palette schottischer Krimiautoren gelesen, von Ian Rankin, Val McDermid, William McIlvanney und Denise Mina, um nur einige zu nennen, und bin dabei auf Gemeinsamkeiten an Gedanken und Gefühlen gestoßen, aber es fällt mir schwer zu sagen, woraus genau die Ähnlichkeiten erwachsen. Liegt es an den Figuren, einer speziellen Dramaturgie oder ist es vielmehr die Landschaft?

Mir scheint, sie alle verbindet eine Sensibilität, die den Verlust und das Unbekannte einfängt, die das Leiden zum Ausdruck bringt. Die Detektive und Ermittler des Tartan Noir sind geplagte Geschichtenerzähler in angeschlagenen Landschaften, neugierig darauf, warum Verbrechen begangen werden und wer sie begeht. Schließlich hat Schottland zufällig die zweithöchste Mordrate in Europa (Finnland hat die höchste) und kann einige der düstersten Statistiken über Drogenmissbrauch vorweisen. Das harte Leben auf den Straßen, tristes Wetter, eine lange Geschichte der Gewalt – das alles sorgt für eine sehr dunkle literarische Ader.

Eingeäschert ist Doug Johnstones elfter Roman. Seit mehr als einem Jahrzehnt schreibt er Erlösungsgeschichten des 21. Jahrhunderts, in denen er furchtlos die Schattenseiten des modernen Lebens aufzeigt. Seine städtischen und ländlichen Landschaften mögen kalt und düster sein, aber in seinen Figuren fließt heißes Blut. Ihm gelingt das schwierige Kunststück, noch aus den trostlosesten Zutaten Hoffnung zu entwickeln. Wie viele andere schottische Krimiautoren, schreibt er mit einem spezifischen sparsamen Rhythmus, mit bissigem Witz, mit der Bereitschaft, in Melancholie zu schwelgen, und mit einer gehörigen Portion Sozialkritik, die die Verbrechen an den Ausgegrenzten und Unterdrückten ans Licht bringt.

Die Helden des Tartan Noir haben in der Regel damit zu kämpfen, dass sie unterschätzt, ausgeschlossen und schikaniert werden, während sie versuchen, die Rätsel zu lösen, die im Zentrum ihrer Ermittlungen stehen. Ein aus der Perspektive einer Frau geschriebener Krimi erscheint daher wie eine natürliche Weiterentwicklung dieser Schule. Die Perspektiven in Eingeäschert sind jedoch von einer ganz anderen weiblichen Sensibilität geprägt als die, welche den berühmteren nördlichen Cousin des Tartan Noir, den Nordic Noir, dominiert, der wegen der drastischen Darstellung von Gewalt gegen seine weiblichen Figuren und eines krankhaft inhärenten Sexismus kritisiert wurde. Eingeäschert spielt überzeugend in Edinburgh und verwebt die dramatischen Geschichten dreier Generationen von Frauen einer Familie, Hannah, Jenny und Dorothy, die sich mit der Leitung eines Bestattungsunternehmens und einer Detektei herumschlagen müssen. Es ist eine Geschichte, die nur in der heutigen Zeit geschrieben werden konnte und die sich schonungslos mit den Themen männlicher Treuebruch und Gewalt auseinandersetzt. Vielleicht sorgt also eine Schwesternschaft von Detektiven für Ordnung und Sauberkeit? Zu simpel? Bereits die Eingangsszenen offenbaren genügend Risse in den Persönlichkeiten der drei Frauen, um den aufmerksamen Leser um sie und die Menschen, denen sie begegnen, bangen zu lassen, und das betrifft sowohl Opfer als auch potentielle Täter. Was wie ein »domestic noir« mit feministischer Perspektive beginnt, entwickelt sich zunehmend unvorhersehbarer und wird zugleich brisanter. Immer wieder wechseln die Kapitel zwischen den drei Frauen, während sie mit schmerzlicher Ungewissheit vorankommen und emotionale Extreme durchleben.

In gewisser Weise kämpfen alle drei immer noch mit dem Erwachsenwerden in einer Welt, die sie ungerecht behandelt hat, und entdecken dabei ihre Identität als Frauen und ihre Zukunft – selbst die Großmutter Dorothy. Es ist die Geschichte ihrer zahlreichen Balanceakte als Mütter, Schwestern, Töchter, Geliebte, Vertraute, Detektive, Bestattungsunternehmerinnen und Schlagzeugerinnen, die zwischen Momenten der Verletzlichkeit und grausamen Taten, zwischen Verwirrung und Entschlossenheit pendeln. Sie sind abgebrühte Detektive, verwitwet, geschieden und single, einsame Gestalten auf der Suche nach Gerechtigkeit, die sich mit Problemen auseinandersetzen, die aktuell in den Medien und kulturellen Debatten im Vordergrund stehen und die alle Frauen und viele Männer wiedererkennen werden. Sie sind zuweilen zynisch, unverblümt, paranoid, aggressiv und rücksichtslos, aber immer weiblich und selbstbewusst, und sie führen verletzliche Privatleben. Jenny zeigt besonderes Einfühlungsvermögen für den verheirateten Mann, dessen Privatleben sie unter die Lupe nimmt und der, wie sich herausstellt, keine Affäre hat und das Opfer in diesem speziellen Kampf der Geschlechter ist. Da sie selbst geschieden und emotional verletzlich ist, treibt ihr Mitgefühl ihren Eifer an, für Gerechtigkeit zu sorgen, als sie den Spieß gegen ihre Klientin umdreht.

Der Tartan Noir erinnert uns, dass Kriminalliteratur eines der wichtigsten Instrumente der Gesellschaft ist, sich Bodenhaftung und Menschlichkeit zu bewahren, und zugleich der Grund, warum Bücher wie Eingeäschert eine so wichtige Lektüre sind. Am allerwichtigsten erscheint zumindest mir, dass Doug Johnstone weiß, wie wichtig es ist, den Sinn für den Ort, für den Raum nie zu vernachlässigen. Die Finsternis ist in seinem einsamen Edinburgh immer präsent, und wie der Titel des Buches schon andeutet, ist die Finsternis nicht nur kalt und endlos, sondern sie dehnt sich vielmehr aus. In dieser urbanen Landschaft ist der beharrliche Versuch eines Schriftstellers, ein wenig Wärme, Licht und Hoffnung um seine Figuren herum zu erschaffen, eine würdevolle und wunderbare Sache.

Übersetzung: Jürgen Bürger