Auf die harte Tour

Ein Nachwort von Peter Henning
©Max Soklov/Adobe Stock

»Er hält die Katze mit dem linken Unterarm auf dem Schoß fest. … Ich höre ein Geräusch, als würde ein trockener Zweig zerbrechen. … Der Kopf hängt zur Seite, die Beine sind starr. Sie bewegt sich schon nicht mehr. … Er hängt die Katze kopfüber ans Vordach, nimmt das Messer und hackt ihr mit einem einzigen energischen Hieb den Kopf ab … Mit einem Schnitt schlitzt er das Tier auf und nimmt es aus … Er ist so schnell und geschickt, es sieht richtig professionell aus. »Ist wie Kabel schälen«, erklärt er, »nur hat das Kabel Haare.«

Ein erzählerischer Auftakt wie ein Schlag in die Magengrube. Ohne Vorwarnung. Hart und zielgenau. Brutal und perfide. Doch aus der Not des Täters geboren. Denn wer wie die beiden Habenichtse aus Zavaleta, deren Geschichte Matías Néspolo in seinem Buenos Aires-Roman erzählt, in der Regel kaum einen Peso in der Tasche hat, um sich eine warme Mahlzeit zu leisten, der killt und häutet schon mal eine der zahllos in den Straßen der als »Villas Miserias« bezeichneten Elendsviertel »Villa 31« und »Zavaleta« herumstreunenden Katzen, um sie mit ein wenig Öl bespritzt zu grillen – und heißhungrig zu verschlingen.

Und ein Beginn wie eine unmissverständliche Ansage, die der Roman einlöst. Denn der bleibt bis zum Schluss so hart und aufwühlend, wie er beginnt. Was folgt, ist eine Geschichte, die vibriert unter all der Verwirrung, den unterdrückten Schreien nach Liebe und dem Verlangen nach Schönheit, die in einem Strudel der Gewalt untergehen. Denn die Kapitale am Rio de la Plata, die den Erzählschauplatz für sein finster-faszinierendes Milieustück liefert, ist – daran lässt Matías Néspolo keine Sekunde einen Zweifel – gefährlich, flirrend und bedrohlich. Und doch keimt in den Porteńos von Zavaleta immer wieder eine unausrottbare Sehnsucht nach Liebe auf. Auch wenn sie ihnen in der Regel so fern und unerreichbar erscheint wie der Mond, der allabendlich über dem Moloch untergeht. Ein Traum, den sie träumen, wenn das sich Bekriegen und einander Bekämpfen eine Pause macht. Auch Chueco und Gringo bilden da keine Ausnahme.

Und dann weht plötzlich ein Hauch von Weltliteratur durch dieses aufwühlende Buch – paraphrasiert Néspolo darin doch auf lässige Art und Weise Herman Melvilles berühmten Roman »Moby Dick«, um dem 20 Jahre alten Gringo am Beispiel der Geschichte des von seinem blinden Hass auf den Weißen Wal zerfressenen Schiffs-kapitäns Ahab vor Augen zu führen, wohin ein solches Gefühl den Einzelnen am Ende führt.

Gringo, der nie ein Buch in der Hand hatte, kauft sich den Roman von dem Geld, das er gemeinsam mit Chueco bei einem Überfall erbeutet hat – getrieben von dem jähen Impuls, sich dadurch wenigstens eine Zeitlang von seiner niederen Herkunft und seinem bildungsfernen Milieu zu distanzieren.

Viel anfangen kann er mit der Geschichte des von Vergeltungssucht getriebenen Schiffskapitäns nicht; trotzdem fühlt er sich durch die Botschaft des Autors des Romans darin bestätigt, dass es vor allem an einem selbst liegt, was aus einem wird. »Weil der Dschungel in dir drin ist, Mann! Es gibt kein Draußen, das irgendwie zählen würde!« hält er seinem Amigo Chueco einmal entgegen, als der sein Schicksal mal wieder auf die äusseren Umstände schiebt.

Gringo hat genug von den unveränderlichen Gesetzen der Straße, an deren nächster Ecke womöglich schon morgen der Tod auf ihn wartet. Er hat »keinen Bock mehr, immer Angst zu haben.« Wirklich auszusteigen aber gelingt ihm nicht. Und so willigt er gegen seine Bedenken ein, mitzumachen, als Chueco ihm vorschlägt, sich der Bande des skrupellosen Gangsterbosses El Jetita im Kampf gegen seinen Rivalen Charly anzuschließen, in dem es darum geht, wer fortan die Kontrolle über den Drogenhandel und die Prostitution im Viertel hat. Doch der Überfall, den sie auf Chuecos Betreiben hin auf eine Handvoll für Charly arbeitende Kid-Dealer begehen, ändert alles: Charly nimmt sie nun höchstpersönlich ins Visier.

Bildmächtig verwebt Néspolo die sich zuspitzenden Konflikte mit zahlreichen Rand-episoden, in denen 12-jährige für ein Paar Sneakers, ein Tütchen Dope oder eine Handvoll Pesos nicht davor zurückschrecken, anderen an die Gurgel zu gehen – und sie ihnen, wenn es sein muss, auch umzudrehen. All das spielt sich in einem von Gott und allen guten Geistern verlassenen Barrio ab, in dem die Sprache der Gewalt den Ton angibt. Und Néspolo geht der Verbindung von Gewalt und deren ästhetischer Inszenierung nicht aus dem Weg. Doch er verliert sich auch nicht darin, denn sein im überzeugenden Idiom der Straße und ihrer Slangs erzählter Roman hat weit mehr zu bieten; reich an Seitenthemen wie ein Musikstück, das über Abschweifungen regelmäßig zu seinem Generalthema zurückkehrt, erzeugt er durch seine gekonnten Tempi-und Sound-Wechsel zwischen hartem Rap und schleppendem Blues einen Sog, der erklärt, weshalb das britische Literaturmagazin »Granta« den heute 50-jährigen Néspolo 2010 als einen der besten spanischen Erzähler seiner Generation bezeichnete.

So malt Néspolo, der seine Heimatstadt wie seine Westentasche zu kennen scheint, vor dem Hintergrund des von der großen Finanzkrise schwer gebeutelten Argentinien Ende der 1990er Jahre ein authentisches Bild jener gefährlichen Randgebiete von Buenos Aires, in denen Krieg herrscht: er tut es, indem er das große, umfassende Chaos und die Widersprüche des Lebens im Kleinen, im Mikrokosmos widerspiegelt. Mitleidlos genau. Darin erinnert er an Fernando Meirelles 2002 nach der Buchvorlage von Paulo Lins geschaffenen Film »City of God«, in welchem der Brasilianer aus der Sicht des minderjährigen Buscapé Episoden aus dem Alltag einer Bande gewaltbereiter Kleinkrimineller in den Favelas zu einer mitreissenden Abfolge greller Snapshot einer Jugend verdichtete, die in eine Spirale der Gewalt gefangen ist, die sie nach und nach verschlingt.

Doch Gringo, ein früh ohne Mutter aufwachsender, sich selbst überlassener Herumtreiber, ist anders, er ist einer, der lieber zuschaut statt selbst zu agieren – und der, weil ihm die letzte Entschlossenheit zum Gangster fehlt, am Ende anders als der großmäulige Chueco, den später im Barrio losbrechenden Bandenkrieg überlebt. Zwar fühlt er sich an Begriffe wie Moral und Freundschaft gebunden – doch Chuecos Welt ist nicht, war nie wirklich die seine. Viel lieber ließe er das Barrio für immer hinter sich – begleitet von Yanina, der von ihm begehrten Tochter des Dicken Farías, den er gemeinsam mit Chueco überfallen hat.

Schaulüstern wie ein Chemiker, der einander abstoßende Elemente für ein Experiment in einem Reagenzglas mischt, sperrt Néspolo seine einander gegenüberstehenden Parteien am Ende in eine von Gewalt und blindem Machtstreben aufgeheizte Großstadt-Gegenwartskapsel, in der sie jeder für sich buchstäblich ums Überleben kämpfen. Und was er uns dabei vorführt, ist erstaunlich: Denn sein Roman ist auch und vor allem ein hartgesottener Buenos-Aires-Roman, der die Auswüchse des Molochs ungeschönt vorführt – und ihn doch in Form kleiner, versteckter Liebeserklärungen immer wieder fast zärtlich umgarnt. Das Resultat ist ein Buch, das sich mühelos zwischen Pasolinis »Ragazzi di Vita«, Juan Marsés Roman »Wenn man Dir sagt, ich sei gefallen«, oder Alberto Vásquenz-Figueras’ beinhartem Tatsachenroman »Die Kinder von Bogota« von 1991 einreihen lässt, die von ähnlichen Überlebenskämpfen in ähnlichen Arenen erzählen.

So lässt Néspolo unterm Strich keinen Zweifel daran, dass das Ende der heute überlebten Schlacht nur den Auftakt zu der morgigen bildet. Das muss auch Gringo begreifen, als er – nachdem er das Barrio unverletzt verlassen hat – in eine Schlacht zwischen Polizeieinheiten und gewaltbereiten Studenten gerät – und er schliesslich akzeptiert, dass auch seine Sprache die der Gewalt ist. »Ich werfe einen Stein, und es ertönt der erste Schuss. Die feuern mit Tränengas. Wir antworten mit allem Möglichen. Sogar mit ihren eigenen rauchenden Gasgranaten. Jetzt geht der Tanz wirklich los. Richtig nett und freundlich …«

Man liest Néspolos Geschichte der beiden widersprüchlichen Freunde, die mal an die Romane des Mexikaners Guillermo Arriaga erinnert, mal an die bildmächtigen Episodenfilme Alejandro Inarritu’s, bis zuletzt wie mit angehaltenem Atem. Und man bedauert am Ende, den einen für immer an den Tod – und den anderen aus den Augen verloren zu haben.

So ist es vielleicht Néspolos größte Leistung, dass es ihm gelingt, uns in eine uns an sich fremde Welt eintauchen zu lassen, die uns plötzlich auf erschreckende Weise nah und vertraut erscheint, so, als habe man selbst für die Dauer der knapp 200 Seiten dort gelebt. Trotzdem ist man froh, dem Barrio im dunklen Herz von Buenos Aires entkommen zu sein, in dem es »sieben Arten gibt, eine Katze zu töten«. Auch »wenn in der Stunde der Wahrheit nur zwei bleiben: nett und freundlich oder auf die harte Tour.«

Von der letztgenannten vor allem handelt mit Blick auf die Opfer, die seine Geschichte fordert, Matías Néspolos Roman, ehe der letzte Vorhang fällt – und man die verwehenden Klänge eines langsam verstummenden Carlos-Cardel-Tangos zu vernehmen glaubt.